Abgasskandal-Aufklärer in Schwerin
Dieser Artikel von Patrick Kiefer erschien am 04.02.2026 im Nordkurier.
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Der Schrecken der Autoindustrie: Axel Friedrich will die Welt retten
Er hasst Abgase, hat aber nichts gegen dicke Luft: Axel Friedrich über den Dieselskandal, Missionen, E-Bikes, Wärmepumpen – und seinen Besuch bei Schweriner Schülern.
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Dr. Axel Friedrich half den Dieselskandal aufzudecken – und war jetzt in Schwerin bei Schülern. (Foto: Markus Scholz)
Ungewöhnlicher Besuch am Gymnasium Fridericianum: Kürzlich hielt der Wissenschaftler Dr. Axel Friedrich in der Aula einen Vortrag über seine Messungen zum Thema Luftverschmutzung. Es ging um die Effizienz von Wärmepumpen, aber selbstverständlich auch um Autoabgase. Sozialkundelehrerin Annette Uffmann, die Dr. Friedrich eingeladen hatte, sagte anschließend: „Die Schüler konnten erfahren, dass das, was sie im Unterricht lernen, in der Praxis relevant ist.“ Dazu muss man wissen: Der 78-jährige Friedrich war im September 2015 die treibende Kraft hinter dem Aufdecken des Dieselskandals. „Ohne mich wäre der Betrug der Autoindustrie damals nicht aufgeflogen“, betont der Chemiker.
Er ließ den Abgas-Skandal 2015 auffliegen
Vor dem anspruchsvollen Vortrag am Fridericianum traf sich der Mann, der in den Medien gerne als „Schrecken der Autoindustrie“ tituliert wird, mit uns auf eine Tasse Tee. Im grünen Wollpullover berichtete er aber keineswegs nur von Software zur Manipulation von Abgasemissionen – vielmehr ging es auch um ihn als Mensch und seine außergewöhnlichen Begabungen. „In der ersten Klasse hatte ich in Mathe das Niveau eines Viertklässlers, aber mit dem Lesen gab’s Probleme“, erinnert sich Friedrich. Buchstaben hätten ihn nie interessiert, es ging ihm schon immer nur um Zahlen.
Trotzdem „liest“ er fast täglich ganze Bücher. Dann erklärt er, dass er Wörter nicht entziffert, sondern „nur“ Bilder wahrnimmt. Er scannt Begriffe und ganze Seiten quasi ab und das in einem Tempo, bei dem kein herkömmlicher Leser mithalten kann. „Wenn ein Wort falsch geschrieben ist, erkenne ich zwar, dass da etwas nicht stimmt. Aber ich weiß nicht, wie man den Fehler korrigiert“, behauptet Friedrich. Diese Fähigkeit hilft ihm bei einem äußerst ungewöhnlichen Anspruch, den er aber ganz gelassen ausspricht: „Ich weiß, dass es nicht geht, aber eigentlich möchte ich alles wissen.“ Friedrich sagt, dass er in den Fachgebieten, die ihn interessieren, immer der Beste sein will. Der einstige Abteilungsleiter für Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt meint das ernst und fügt als Beispiel den VW-Dieselskandal an.
Kurze Zeitreise: Im September 2015 kam heraus, dass vor allem Volkswagen, aber auch andere Hersteller illegale Abschalteinrichtungen in Dieselautos integriert hatten. Eine spezielle Software konnte erkennen, ob ein Fahrzeug gerade auf dem Prüfstand läuft oder eben nicht. Lenkbewegungen, konstante Geschwindigkeiten, feste Testdauer – diverse Parameter sorgten dafür, dass die Software den Motor unauffällig in einen besonders „sauberen“ Modus versetzte. Die Abgasreinigung lief dann auf Hochtouren, so dass die Stickoxid-Emissionen innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte blieben. Tatsächlich waren die Schadstoffwerte im täglichen Gebrauch um ein Vielfaches höher. Dem Käufer wurde gezielt eine bessere Welt vorgegaukelt – Dr. Axel Friedrich wies diese Manipulation mit Hilfe neuer, mobiler Messgeräte am Auspuff nach.
„Dinge, die die Welt ein Stück besser gemacht haben“
Die Konsequenzen waren weitreichend: Neben dem unermesslichen Imageschaden für die Marke zahlte Volkswagen weltweit Strafen und Entschädigungen in Höhe von über 30 Milliarden Euro. Konzern-Manager wurden angeklagt und verurteilt, in den USA wurden betroffene Modelle zurückgekauft oder verschrottet. Und: Rein technisch wurden die sogenannten SCR-Katalysatoren in Dieselfahrzeugen so optimiert, dass die giftigen Stickoxide weitestgehend herausgefiltert werden. Dr. Friedrich sagt nicht ohne Stolz: „Ich habe Dinge geschafft, die die Welt ein Stück besser gemacht haben.“
Wichtig: Er arbeitete damals eng mit dem „International Council on Clean Transportation“ einer anerkannten Nichtregierungsorganisation zusammen. Friedrich betonte auch am Fridericianum, dass seine Messungen und Verbesserungsvorschläge nur dann sinnvolle Konsequenzen nach sich zögen, wenn er mit den Medien, mit NGOs wie z.B. dem BUND oder dem NABU sowie mit versierten Anwälten kooperiere. Öffentlicher Druck und der Rechtsweg seien geeignete Druckmittel, um Unternehmen zu Veränderungen zu bewegen. In 99 Prozent aller Fälle, seien seine Klagen erfolgreich gewesen.
Doch zurück zur Persönlichkeit von Dr. Axel Friedrich. Wie tickt er? Welche Motivation steckt hinter seinen Messungen und Enthüllungen? „Meine Mission ist, die Welt zu retten“, sagt er. Er lacht dabei zwar verschmitzt, aber im Kern meint er auch das völlig ernst. Er legt nach: „Ich mache nur Dinge, von denen andere behaupten, dass sie gar nicht gehen.“ Ein aktuelles Projekt des rastlosen Forschers: Er möchte, dass es für E-Bikes nur noch ein einheitliches Ladegerät gibt. „Ich habe bereits an die EU-Kommission geschrieben. Die verschiedenen Geräte mit ihren spezifischen Steckern – das ist in erster Linie Geldmacherei der Hersteller.“
Axel Friedrich: „Geld interessiert mich nicht“
Apropos Geld: Haben ihn seine Messungen und Ergebnisse reich gemacht? „Geld interessiert mich nicht“, antwortet er wie aus der Pistole geschossen. „Ich muss nur so viel Geld haben, dass ich davon leben kann. Mehr Geld bedeutet ja nicht, dass man zufriedener oder glücklicher ist.“ Seine Frau sage immer, dass er auch in einem Zelt wohnen könnte – ein Eindruck, der sich im persönlichen Gespräch verfestigt.
Zu guter Letzt legte Dr. Friedrich den Fokus noch auf das komplexe Thema „Fernwärme“. Er behauptete, dass ein Ausbau des Fernwärmeanteils in Schwerin wirtschaftlich keinen Sinn mache. Der unabhängige Berater schwört vielmehr auf die saubere Technik der Wärmepumpe und hält diese langfristig für deutlich effizienter. Eine Position, die er bei Gelegenheit gerne gegenüber den Stadtwerken näher ausführen würde. Passender Schlusssatz des streitlustigen Naturwissenschaftlers: „Die meisten Leute haben Angst vor Ärger. Ich nicht. Ich finde es zwar schöner, wenn man meine Arbeit lobt, aber wenn nicht, dann habe ich damit auch kein Problem.“