26. April 2021

Cheers! Auf Görslow und Glasgow

Laura Hensel promoviert in Psychologie an der University of Glasgow

Auswandern – Ein Neuanfang in der Ferne

Das Vertraute hinter sich lassen und bereit sein für ein neues Leben – diesen Schritt wagen seit Jahren offiziell über 240.000 Deutsche. Auch aus Schwerin und Umgebung zieht es Menschen in die Ferne. Unser Autor Patrick Kiefer suchte nach ihnen: Warum ließen sie ihre Heimat hinter sich? Haben sie ihren Entschluss jemals bereut?

In Teil 4 unserer Serie erzählt Laura Hensel aus Görslow, wie es sie über Costa Rica nach Schottland verschlug.

Ein Teenager-Traum wird Realität

Laura Hensel tat als Teenager, was viele Mädchen gerne tun: Sie las begeistert die Abenteuer von Hanni und Nanni. Dabei entstand in ihrem Kopf ein romantisches Bild vom aufregenden und glücklichen Alltag in einem Internat. Mehr noch – der Wunsch, Görslow und Schwerin hinter sich zu lassen, setzte sich schleichend fest. Sie wollte aufbrechen, Jugendlichen aus aller Welt begegnen und ihren eigenen Horizont erweitern.

„Nicht, dass Sie es falsch verstehen“, betont sie. „Ich war zu Hause glücklich und musste meine Eltern zu diesem Schritt erst überreden.“ Doch nach der 10. Klasse am Fridericianum durfte sie sich ihren Wunsch erfüllen.

Auf der Suche nach Möglichkeiten stieß sie auf die United World Colleges, eine Bildungsbewegung mit 18 internationalen Schulen. Hensel bewarb sich um ein Stipendium – und wurde angenommen. „Mir wurde angeboten, nach Costa Rica zu gehen“, erzählt sie. „Um ehrlich zu sein: Ich musste erst mal googeln, wo das genau liegt und was mich dort erwartet.“ Zweifel an ihren Plänen hatte sie jedoch nicht. „Ich war einfach nur happy und aufgeregt. Auch beim Abflug zögerte ich keine Sekunde.“

Von Costa Rica zurück ins Kinderzimmer

Zwei Jahre lang wohnte sie mit 23 Mitschülern in der klangvollen Flamingo Residence auf dem Internatsgelände am Rande der Kleinstadt Santa Ana. „Jeder Jahrgang besteht aus rund 60 Schülern im Alter von 16 bis 18 Jahren. Am Ende erwirbt man das International Baccalaureate – und unbezahlbare Lebenserfahrung“, erläutert Laura Hensel.

Nach ihrem Abschluss reiste sie mit ihren Eltern drei Wochen durch Costa Rica. Ihr nächstes Ziel: ein Studium an einem College in Maine, USA. Doch dann der Rückschlag: „Nach langem Hin und Her erhielt ich kein Visum“, erinnert sie sich.

Statt auf einem belebten Campus fand sie sich plötzlich allein in ihrem früheren Kinderzimmer wieder. „Es war ein ziemlicher Schock“, sagt sie. „Ich saß in Görslow, gliederte mich in den Haushalt ein und vermisste meine Freunde sowie all die liebgewonnenen Freiheiten.“

Ein Neuanfang in Schottland

Rastlos, wie sie war, packte sie erneut ihre Koffer und arbeitete als Au-pair in Barcelona. Parallel suchte sie im Internet nach einem Studienplatz – und wurde in Großbritannien fündig. Die University of Glasgow und das Fach Psychologie rückten in den Fokus.

„Ich las und hörte nur Gutes über Glasgow“, erzählt Hensel. Außerdem fand sie es „äußerst erfreulich“, dass dort keine Studiengebühren für EU-Bürger anfielen.

Seit September 2013 gehört sie zu den rund 26.000 Studierenden der 1451 gegründeten Universität. Ihre ersten Wochen beschreibt sie so: „Alle Neuankömmlinge stürzten sich ins Nachtleben, jeder suchte nach neuen Freunden. Das war richtig anstrengend.“

2022: Aus Laura wird Dr. Hensel

Erst nach der Eingewöhnung begann sie, ihren neuen Lebensabschnitt zu genießen. „Glasgow ist bekannt für seine Kneipen sowie die lebhafte Theater- und Musikszene. Bevor Covid-19 auch hier alles lahmlegte, war besonders auf der Partymeile Sauchiehall Street die Hölle los.“

Mittlerweile lebt sie mit ihrem Freund Jack, einem Engländer aus Yorkshire, in einer gemeinsamen Wohnung nahe des Flusses Kelvin. Und das Studium? „Meinen Master habe ich in der Tasche, nun geht es an die Promotion“, sagt die 27-Jährige.

Sie erforscht die Wirkung von Gesichtern: Warum empfinden Menschen eine bestimmte Mimik als vertrauenswürdig? Was wirkt sympathisch, was unsympathisch? Fragen, die für das Thema Social Robotics von großer Relevanz sind. „Die Interaktion zwischen uns und der kommenden Roboter-Generation wird weit mehr sein als eine kurze Anweisung an Siri oder Alexa“, erklärt sie. Sollte alles nach Plan laufen, wird Laura im Sommer 2022 ihren Doktortitel erhalten. „Einen Doktorhut bekommen wir hier aber leider nicht verliehen – es gibt nur eine Robe mit Schärpe“, erzählt sie.

Wohin geht die Reise?

Wie es danach weitergeht, ist noch unklar. Eine akademische Laufbahn kommt für sie nicht infrage – sie hofft auf eine Position in der freien Wirtschaft. „Wohin es uns verschlägt, hängt primär von den beruflichen Perspektiven ab“, sagt sie.

Liegt die Zukunft in den Entwicklungszentren für Künstliche Intelligenz in den USA? „Ich hoffe nicht“, reagiert Hensel bestimmt. „Deutschland wäre mir viel lieber. Vielleicht hat Hamburg oder Berlin ja etwas für uns zu bieten.“

Auch ihr Freund Jack promoviert derzeit. Als Psycholinguist analysiert er unter anderem die Ausbreitung von Gehirnwellen während des Lesens.

Schottische Leidenschaft

Privat hat Schottland der Mecklenburgerin eine völlig neue Leidenschaft beschert: Whisky. „Ich habe bereits an die 15 Destillerien in der Umgebung und in den Highlands besucht. Längst bin ich zu einem echten Whisky-Fan geworden“, gesteht sie. „Sogar meinen Vater konnte ich schon begeistern.“

Hat sie eine Empfehlung? „Ich mag den Auchentoshan Three Wood“, antwortet sie.

Na dann: Cheers! Oder wie der echte Schotte sagt: Slàinte Mhath!

von Patrick Kiefer

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