18. Februar 2025

Der fast vergessene Friedhof mitten im Schweriner Stadtzentrum

 

https://www.nordkurier.de/regional/schwerin/der-fast-vergessene-friedhof-mitten-im-schweriner-stadtzentrum-3338062

 

18.02.2025, Timo Weber, SVZ

 

Der ehemalige Domfriedhof oberhalb des Marienplatzes war von einer Kolonnade und einer Friedhofsmauer umgeben. (Foto: Stadtarchiv Schwerin)

 

Wo heute Gymnasiasten lernen, Schweriner wohnen und Einkaufswillige ihre Autos parken, befand sich einst der Friedhof der Domgemeinde. Doch vor der Bebauung passierte viel.

 

Es ist nur folgerichtig, dass in der mehr als 850-jährigen Schweriner Stadtgeschichte und dem begrenzten Platz zwischen den Seen auch Friedhöfe der baulichen Stadtentwicklung weichen mussten. Die „Schweriner Höfe“ stehen auf dem ehemaligen Armenfriedhof der Stadt, auf Schwerins erster Begräbnisstätte wurde der Dom errichtet. Und zwischen Schlosspark-Center und Reiferbahn-Sporthalle befand sich früher der Friedhof der Domgemeinde. Natürlich wurde nicht auf den Gebeinen Verstorbener gebaut. Die Toten mussten erst aufwendig geborgen und umgebettet werden.

 

Der hintere Schulhof des Fridericianums: Nur die alte Lindenallee zwischen Lobedanzgang und Totendamm erinnert noch daran, dass hier einst ein Friedhof war. (Foto: Archiv/Bert Schüttpelz)

Friedhofsgärtner Lobedanz Namensgeber für neue Straße

Vor genau 100 Jahren erhielt der Lobedanzgang in Schwerin, die Verbindungsstraße zwischen Goethestraße und Reiferbahn, seinen Namen. Die Straße wurde nach dem Kunstgärtner Carl Adolph Wilhelm Lobedanz (1812–1893) benannt, der hier im 19. Jahrhundert eine Gärtnerei besaß. Im selben Jahr erfolgte der Bau der ersten Häuser dort.

 

Das Besondere: Von 1779 bis etwa 1863 befand sich in dem Areal der Friedhof der Domgemeinde. Er erstreckte sich zwischen der heutigen Reiferbahn, dem Lobedanzgang, der Goethestraße und der Wittenburger Straße und Marienplatz. Trotz der offiziellen Schließung des Domfriedhofs 1863 fanden bis in die 1920er-Jahre weiter Bestattungen in den Erbbegräbnisstätten statt.

 

Schwenke, Wöhler, Oertzen: Ruhestätte für Prominente

Stolze 15 Jahre hatten die Planung, der Grundstücksankauf und die Errichtung der Hochbauten wie Mauer und Kapellenhaus des damaligen Domfriedhofs gedauert. Baumeister war Johann Joachim Busch (1720-1802). Der Friedhof hatte einen Eingang an der Reiferbahn und einen am Totendamm. Im südlichen Teil hin zum Lobedanzgang standen viele Mausoleen und Gruften namhafter Familien wie Wöhler, von Oertzen und von Hammerstein, aber auch Persönlichkeiten wie Großherzog Friedrich Franz I. oder Karl Schwenke wurden hier bestattet.

 

 

Der evangelisch-lutherische Friedhof hatte neben den Grabstätten für namhafte – und zahlungskräftige – Familien einen Bereich für Tote aus dem Stadtgebiet, sogenannte „Stadtgemeine“, und einen für „Landgemeine, Soldaten und Arme“.

 

Mausoleum für Johann Hermann Kuetemeyer

 

 

Das Mausoleum der Familie Kuetemeyer zählte zu den prächtigsten auf dem Domfriedhof in Schwerin. (Foto: Stadtarchiv Schwerin)

Die Schweriner Familie mit dem größten Grundbesitz der Stadt, die Kuetemeyers, hatte an der Westseite des Domfriedhofs selbstredend auch das wohl beeindruckendste Mausoleum. Die Kuetemeyers hatten im 17. Jahrhundert mit einer Schlachterei und Tierfleisch-Handel ein Vermögen gemacht. Johann Hermann Kuetemeyer (1769-1854) war fast 20 Jahre Bürgermeister in Schwerin. Das hinterließ Spuren: Das ehemalige Standesamt in der August-Bebel-Straße ließ er im Übrigen als Sitz seiner Stiftung zur Vergabe von Kleinkrediten bauen.

 

Opfer der Kriege oftmals namenlos bestattet

Als Napoleon durch Europa zog, kamen auch zahlreiche Tote aus verschiedenen Ländern auf den Domfriedhof. Sie wurden namenlos in Massengräbern vergraben. Auch einige in Lazaretts gestorbene französische Gefangene aus dem Krieg 1870/71 fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Domfriedhof.

 

Obwohl der Friedhof offiziell 1863 geschlossen wurde, wies die Stadt erst 1909 Umbettungen für eine Bebauung zur Stadterweiterung an. Es folgten erste Einebnungen des Areals. Der meiste Baumbestand kam im Übrigen bei einer Holzauktion 1911 unter den Hammer. Bis 1914 wuchs das heutige Fridericianum auf dem einstigen Domfriedhof in die Höhe, ebenso ein Lazarett.

 

Vom eindrucksvollen Kolonnaden-Gang am einstigen Domfriedhof blieb nichts erhalten. (Foto: Stadtarchiv Schwerin)

Ende der 1920er-Jahre beschloss der Magistrat der Stadt, den verbliebenen Teil des Friedhofs zu erhalten und zu einem kleinen gepflegten Park zu machen. Damit war nach dem 2. Weltkrieg aber auch Schluss. Das Lyzeum wurde eine sowjetische Schule, der Friedhofspark ein Turnplatz.

 

Rote Armee grenzte Schweriner aus dem Areal aus

30 Jahre nach Kriegsende war das Areal mit einer Betonmauer sichtgeschützt und bis zum Abzug der Roten Armee 1992/93 für die Schweriner eine verbotene Zone. Was danach interessierte Schweriner zu sehen bekamen, erinnerte in keiner Weise mehr an den früheren Friedhof. Also wurde weitergebaut.

 

 

Die Grabreihen in Nord-Süd-Ausrichtung sind auf der Grabungsfläche im Norden 1996 gut zu erkennen. (Foto: Landesamt für Bodendenkmalpflege)

Weitere Umbettungen für Fridericianum-Erweiterung

Als das Gymnasium Fridericianum in den 1990er-Jahren für die Fachkabinette einen Neubau erhalten sollte, war der Friedhof erneut ein Thema. Schließlich lag es nahe, dass bei den vorbereitenden Erdarbeiten sterbliche Überreste gefunden werden. 1996 bildete das Bauamt eine Art Taskforce aus Domgemeinde, Landesamt für Bodendenkmalpflege, Gesundheitsamt und städtischem Amt für Denkmalpflege und den beteiligten Baufirmen. Das Ziel: pietätvolle Behandlung des Begräbnisplatzes und größte Sorgfalt bei Umbettungen.

 

Und das erwies sich als weitsichtig. Während von April bis September 1996 rund 1200 Kubikmeter Boden von Hand untersucht wurden, dokumentierten die Experten etwa 650 Bestattungen aus 150 Jahren. In einer Grabstelle wurden bis zu sechs Bestattungen übereinander gefunden, berichteten damals die Denkmalpfleger. Gräber mit nur einer Beisetzung seien die Ausnahme gewesen. Die sterblichen Überreste wurden auf dem Alten Friedhof in einem Massengrab bestattet.

 

Neben der Erweiterung für das Gymnasium entstand später auch das Parkhaus des Schlosspark-Centers auf dem einstigen Domfriedhof.

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