Die Stimmen des Klima-Protestes
Marco Dittmer 19.09.2022
In diesem Jahr war der Klima-Alarm nicht ganz so laut, und trotzdem war er da: Rekordhitze und -trockenheit in Europa, Waldbrände auf dem ganzen Kontinent, die wüten wie nie zuvor. Der Klimawandel schreitet ungeachtet weiterer aktueller Krisen voran. Auch in Schwerin purzelten die Rekorde. Am 20. Juli wurde die 30-Jahre alte Hitzemarke von 36,9 Grad Celsius durchbrochen. Die neue Rekordmarke liegt nun bei 39,4 Grad Celsius und so viel ist wohl sicher: Es wird keine 30 Jahre dauern, bis die Thermometer der Landeshauptstadt auch diese Marke wieder durchbrechen. Auch unsere Wasserverbände warnen, dass bei anhaltender Trockenheit selbst die bisher so vorteilhafte Grundwassersituation rund um die Stadt bis Mitte des Jahrhunderts zum Problem wird. Es gibt noch unzählige Beispiele, wie der Klimawandel Schwerin verändern wird. Und doch hat die Aufmerksamkeit abgenommen. In dieser Woche möchten wir, die Schweriner Lokalredaktion, nicht die Aufmerksamkeit lenken – aber zumindest neue Sichtweisen vorstellen. Deswegen geben wir der Ortsgruppe Schwerin der Fridays-for-Future-Bewegung Raum in unserer Redaktion und der Zeitung. Aus Journalismus darf nicht Aktivismus werden, nicht einen Tag. Wir haben uns für die Zusammenarbeit in den kommenden fünf Tagen klare Regeln gesetzt. So werden die Beiträge wie bisher von uns Redakteuren recherchiert und verfasst. Fridays for Future wird dabei keinen Einblick in die journalistische Arbeit erhalten. Die Meinungsbeiträge der Klimaschützer werden dabei klar von den redaktionellen Artikeln abgegrenzt. Wir sind uns sicher, dass sich der veränderte Blickwinkel lohnen wird, das haben wir schon in den Vorgesprächen festgestellt. Luan, 17 Jahre, Schüler des Fridericianums zum Beispiel, ist der Meinung, dass dieser Sommer einer der kältesten ist, die wir noch haben werden. Kalt? Sie haben richtig gelesen. Was er damit meint: Die Sommer, die noch vor uns liegen, werden wohl noch heißer und trockener. Der Blickwinkel ist nicht zurück gerichtet, wie bei Aussagen wie: Das war der heißeste Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Oder Liv Nachtigall. Die 18-Jährige fordert, dass sich neben der Bildung in Schulen auch die Nachrichten ändern müssten. Viele Schlagzeilen überall auf der Welt hätten einen Bezug zum Klimawandel, über den aber nicht tiefgreifend informiert wird. Fridays for Future kann eine neue Sichtweise aufzeigen. Manche überraschen. Manche wie die Forderung nach dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs wirken ohne Details noch eher wie Mantras. Aber: Informiert sind die meist jungen Aktivisten in Schwerin allemal. Zur Wahrheit gehört auch, dass es um die Schweriner Ortsgruppe seit dem Weggang von Theresia Crone ruhig geworden ist. Zu ihren Freitags-Protesten kamen nur wenige Dutzend Menschen. Das wurde nicht zuletzt im April klar, als trotz Unterstützung von Luisa Neubauer, einem der bekanntesten Gesichter der Bewegung, nur etwa 200 Teilnehmer zur Fridays-for-Future- Demo nach Schwerin kamen. Am kommenden Freitag ist wieder eine Demo geplant. Der Klimastreik beendet eine Demo-Woche mit Protesten, die unter anderem Inflation, Russlandpolitik und Coronamaßnahmen zum Thema machen. Alle Krisen, die nahbarer sind, deren Auswirkungen noch in diesem Winter zu spüren sein werden, nicht erst in vielen Jahren.

Die Schweriner Klimaaktivisten Liv Nachtigall und Luan Nebihi sind Teil der Schweriner Ortsgruppe von Fridays for Future. Foto: Volker Bohlmann