20. Januar 2016

Die vielen Gesichter der Flucht

SCHWERIN Als Hanne-Lore Gerlitz 14 Jahre alt war, wurden ihre Klassenkameraden als Luftwaffen- und Marinehelfer zum Kriegsdienst eingezogen. Wenige Wochen später war der erste Junge gefallen, ein anderer hatte sein Gehör verloren. Ein Jahr später, 1945, floh das junge Mädchen aus seiner Heimat, ließ unter Tränen alles zurück. „Die Enge war unheimlich und die Gerüche furchtbar“, erzählt die heute 86-Jährige ihrem Enkel Julian. „Aber wir haben es überstanden.“ Julian ist heute so alt wie seine Oma damals und als Schüler im Fridericianum und Teilnehmer an einem besonderen Geschichtsprojekt: „Flüchtlinge und Gastarbeiter in Schwerin – Fremdenfeindlichkeit und Toleranz im Wandel der Zeiten“. Was seine Großmutter berichtete, nahm er auf, schnitt ein bewegendes Interview aus den Erinnerungen vom Ende des Zweiten Weltkriegs, die heute eine neue Brisanz bekommen haben. Denn: Flucht ist kein neues Phänomen und auch Deutsche haben sich auf den Weg gemacht, waren auf ein freundliches Willkommen an fremdem Ort angewiesen. Die 580 Männer, Frauen und Kinder, die aktuell als zugewiesene Flüchtlinge in Schwerin leben, haben dieselbe Chance verdient. Das finden nicht nur Hanne-Lore Gerlitz und ihr Enkel, das meinen auch die Klasse 10 B und die Oberbürgermeisterin, die sich über die Arbeit informierte. Vom Projekt, das die Klasse mit Lehrerin Doreen Grünheid und Tobias Neumann von der Evangelischen Jugend auf die Beine stellte, hatte sie aus der SVZ erfahren. Die Schüler beschäftigten sich mit der Geschichte von Flucht in Schwerin in den vergangenen 70 Jahren, befragten Zeitzeugen von früher und heute, entkräfteten Stammtischparolen, formulierten ihre Gedanken in knappen Sätzen auf bunten Plakaten. Plakate, die Angelika Gramkow gerne auf der nächsten Demo gegen MVgida sehen würde – oder an anderer Stelle im Stadtbild. „Diese Schüler beweisen eine Tiefgründigkeit, die ich mir Lob für Plakate, Flyer und tolle Videos gab es für die 10 B des Fridericianums auch von Schulleiterin Cordula Scheibel. von vielen Mitbürgern wünschen würde“, sagt Gramkow. „Es begeistert mich ehrlich, dass junge Leute so unvoreingenommen mit dem Thema umgehen können. Ich hoffe, es gibt viele Nachahmer.“ Zum Beispiel an Schulen oder in den Welcome-Cafés der Stadt, für die Gramkow ausdrücklich warb. Im Eiskristall, im Paulskirchenkeller, im Bunten Q, im Mama Chocolate und in der Arche finden einmal die Woche spannende Begegnungen statt – zwischen Kulturen, Menschen, persönlichen Schicksalen. Aufgelistet sind Termine und weitere Hilfsmöglichkeiten im Internet unter www.fluechtlingshilfe- schwerin.de. Das Schülerprojekt hat es noch nicht ganz ins Internet geschafft, steht aber kurz davor. Interviews und Plakate sind bald auf dem Youtube- Kanal „SODAejTV“ zu sehen. Maren Ramünke-Hoefer

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Lob für Plakate, Flyer und tolle Videos gab es für die 10 B des
Fridericianums auch von Schulleiterin Cordula Scheibel.

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