Ein Land ist plötzlich weg
Der vielfach ausgezeichnete Journalist Björn Stephan hat lange in Schwerin gelebt – sein erster Roman
„Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ erzählt vom Abschiednehmen und Erwachsenwerden im Nachwende-Kosmos
Claus Oellerking 1994. Kennen Sie die Pawelke-Brüder aus dem dritten Stock? Vor Enrico und Danilo Pawelke, den scheußlichsten Schlägern in der Siedlung, die jeden abziehen, der ihnen in den Weg tritt, nehmen sich alle in Acht. Auch der 13 Jahre alte Sascha Labude und Juri, seine erste Liebe, und sein bester Freund Sonny weichen ihnen lieber aus. Sascha sammelt einzigartige Wörter in einem Heft. Das Mädchen, Juri, weiß alles über das Universum, und Sonny liebt Elton John. Gemeinsam besuchen sie die ehemalige POS „Johannes R. Becher“. Herrn Reza umwittert ein Geheimnis.
Es ist zu klären, ob die Pawelkes nun echte Faschos sind und Frau Kletsche, die in dem Wohnblock gleich hinter der Lenin-Statue wie immer gestützt auf ein pinkfarbenes Kissen auf ihrer Fensterbank lehnt, hat alles im Blick. In den Treppenhäusern der einstigen DDR-Neubausiedlung riecht es nach Wofasept. Die Trabbis weichen gebrauchten, lippenstiftroten Mitsubishi Galants. Aus dem alten Land wird ein neues. Die Lieder von Friedenstauben verstummen. Der 13-jährige Sascha Labude ist nicht länger Pionier, sondern einfach nur ein Schüler, der keine Halstücher und auch keine Wimpel mehr tragen muss. Er ist der Held dieser Geschichte. Sascha vermutet, er sei „wahrscheinlich der einsamste Mensch der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik oder auch der Bundesrepublik“.
Ein Junge auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Das sind das Umfeld und Die Zeit der Geschichte des Romans „Nur vom Welt raum aus ist die Erde blau“ von Björn Stephan. Geboren 1987 in Schkeuditz und aufgewachsen in Schwerin war Björn Stephan einst Schüler der Juri-Gagarin-Schule und des Fridericianums in der heutigen Landeshauptstadt, bevor er die Journalisten-Laufbahn einschlug. Heute schreibt er für „Die Zeit“ und das SZ-Magazin. Seine Reportagen und Texte wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Sozialpreis, dem Axel-Springer-Preis und dem Reporterpreis. Nun ist sein erster Roman erschienen, für den er jetzt den Ulla-Hahn-Autorenpreis erhalten hat. „Die Geschichte könnte eigentlich in jeder ostdeutschen Stadt, in jedem Neubauviertel spielen. Vielleicht auch in einer westdeutschen Platte oder sogar in den Banlieues von Paris“, sagt Björn Stephan über seinen Roman und räumt ein, dass dies besonders für die persönlichen Geschichten der Protagonisten im Buch gilt. Aber niemand, der nach 1949 im Westen Geborenen, musste je verstehen, dass er in einem Land geboren war, das es nicht mehr gibt, sich fragen, wie ein Land einfach verschwinden kann. Sascha Labude stellt sich diese Frage.
Er findet es „sehr komisch (komisch im Sinne von seltsam, nicht von lustig), dass das alte Land einfach untergegangen sein sollte. Das konnte ich nicht begreifen. Denn ich war ja noch da, genauso wie die Siedlung, die Straßen und die Häuser und die Bäume. Auch die ganzen anderen Menschen schienen nicht ertrunken oder von einem Erdbeben oder meinetwegen einem schwarzen Loch (was das ist, hatte ich von Juri gelernt) verschluckt worden zu sein. Ich konnte sie doch sehen.“ Zwei Jahre lang macht sich Björn Stephan immer wieder Notizen, beschäftigt sich mit seiner Herkunft, mit Ostdeutschland. Eigene Erinnerungen und Recherche in Sachen Nach-Wende-Zeit. „Dann hatte ich irgendwann die Stimme von Sascha Labude, dem Erzähler, im Kopf und habe angefangen zu schreiben“, so Stephan. Und zwei Jahre schreibt er an den 352 Seiten des Romans. „Wie bei jedem Roman ist manches selbst erlebt oder beobachtet, vieles recherchiert und der größte Teil natürlich erfunden. Der Titel ,Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau‘ sagt ja, dass nicht so ist, wie es scheint. Je näher du den Dingen kommst, desto vielschichtiger werden sie“, sagt Björn Stephan, der in seinem Roman zeigt, dass in „der Platte“ keineswegs alles grau und trist ist, sondern dass dort ganz normale, talentierte, musisch begabte, neugierige Menschen wohnen, die voller Hoffnungen, voller Träume sind und in denen ein gewisser Zauber steckt. Das ist das Universelle.
Jugendliche an der Schwelle von der Kindheit zum Erwachsenwerden, der politische und gesellschaftliche Wandel in der Rest-DDR, die Entwertung, die Arbeitslosigkeit, der Zwang sich den neuen Verhältnissen anzupassen. All das lässt sich besonders gut anhand der Veränderungen in den DDR-Neubaugebieten beschreiben. „Vor der Wende waren Neubau-Wohnungen heiß begehrt. Das hat sich nach der Wende bald geändert. Plötzlich wurden sie an vielen Orten zum Symbol für sozialen Abstieg und Zerfall“, so Björn Stephan. Jemand, der „die Platte“ von innen kennt, findet sich und seine eigene Geschichte in dem einfühlsam geschriebenen Roman vermutlich wieder. Und auch alle anderen Leser werden die Konflikte der Beteiligten und ihre Suche nach Antworten auf die Fragen des Lebens kennen. Sie bekommen eine Idee vom individuellen Umgang mit einschneidenden Veränderungen und Krisen auch außerhalb der Wladimir-Komarow-Straße und der Lomonossow-Allee in der Nach-Wende-DDR. Und vielleicht finden ja die Leser dabei das Wort, nach dem Sascha Labude bis zum Ende des Romans vergeblich sucht: Das Wort, das beschreibt, wie es ist, wenn du den Ort, den du am meisten liebst, verlassen musst.
Wurde für seinen ersten Roman gleich ausgezeichnet: Björn Stephan

Foto: Mario Wezel