29. Januar 2010

„Es gibt Dinge, die nicht vergessen werden sollten!“

Zwi Helmut Steinitz aus Israel, Überlebender des Holocaust, berichtete am Freitag vor Schülern des Fridericianum Schwerin über seinen Leidensweg in der Zeit des Nationalsozialismus, der ihn über das jüdische Ghetto Kraukau, die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen führte und mit dem „Todesmarsch“ am 3. Mai in Schwerin endete.

Die Unterrichtsstunde ist zu Ende. Einige Schüler haben noch Fragen, schauen Zwi Helmut Steinitz, den Gast aus Israel erwartungsvoll an. Valerian interessiert was ein Kibbuz ist. Lukas aus Lübteen hat Stift und Zettel in der Hand. Zwi Steinitz bemerkt: „Du hast schon die ganze Zeit mitgeschrieben?“ „Ja, und ich möchte wissen, warum Sie nach Israel ausgewandert sind. Und überhaupt, wie fing das damals alles an?“

Erschüttert von einem Besuch im Konzentrationslager Ravensbrück wollte die achte Klasse des Fridericianum Schwerin mehr über Konzentrationslager in Erfahrung bringen. Gab es Konzentrationslager in Mecklenburg, was passierte vor ihrer Haustür in Schwerin? Sie suchten Zeitzeugen. Mit Unterstützung der Lehrerinnen für Geschichte und Deutsch, der Mahn-und Gedenkstätte Wöbbelin und dem Verein Politische Memoriale initiierten die Schüler im vergangenen Jahr das Projekt „Ende des Todesmarsches im Raum Schwerin- Ludwigslust- Parchim“.

Der Besuch von Zwi Steinitz an ihrer Schule ist ein besonderer Höhepunkt der Projektarbeit, denn Steinitz ist einer jener Häftlinge, die auf „Todesmärschen“ durch Mecklenburg getrieben und Anfang Mai 1945 in Schwerin befreit wurden.

Die Schüler präsentierten dem weitgereisten Gast die ersten Ergebnisse ihrer Projektarbeit. „Es gibt Dinge, die nicht vergessen werden sollten! Und wir haben sie nicht vergessen.“ ist zu lesen, das Bild der „Mutter“ in Raben Steinfeld zu sehen. Sie haben recherchiert und Zeitzeugen befragt, die als Kinder den Todesmarsch gesahen.

Nun steht ein anderer Zeitzeuge, einer der ehemaligen KZ-Häftlinge vor ihnen und berichtet von seinen Erlebnissen. Zwi Steinitz ist „voller Bewunderung und Erstaunen, dass so junge Menschen, Kinder sich mit diesem schweren Thema auseinandersetzen und das auf so interessante Weise.“

Er sagt: „Ich hoffe, dass ihr niemals das erlebt, was wir erlebt haben in unseren Kinderjahren. Ich habe mit 12 Jahren die Schulbank verlassen müssen und mir alles autodidaktisch angeeignet. Als ich 1946 nach Israel einwanderte, war ich 18 Jahre alt. Alle haben mich für erwachsen gehalten. Niemand hat daran gedacht, dass wir noch etwas lernen müssen für unsere Zukunft und wir mussten unser Leben ohne Eltern meistern.“

Er erzählt von seinen Erlebnissen im Ghetto Krakau und in den Konzentrationslagern.

Im KZ Sachsenhausen begann am 21. April 1945 der „Todesmarsch“ von 33.000 Häftlingen in Richtung Nordwesten. „Am Anfang des Marsches übernachteten wir in Scheunen. Später als es keine Güter mit Scheunen mehr gab, schliefen wir in den Wäldern. Die Orte die wir durchquerten waren menschenleer. Wir lebten in ständiger Angst erschossen zu werden. Die letzte, eine regnerische Nacht verbrachten wir in kleinen selbstgebauten Hütten aus Ästen. An einer Brücke achtete ich zum ersten Mal auf ein Ortsschild. Es war Schwerin.“ Hier verschwindet die SS-Wachmannschaft und Zwi Steinitz trifft auf amerikanische Soldaten.

„Schwerin ist für mich die Stadt in der ich befreit wurde.

Es ist ein ganz besonderes Erlebnis hier in Schwerin zu sein, weil ich das erste Mal seit dem 3. Mai 1945 in dieser Stadt bin. Ich komme um zu berichten, was sich tatsächlich in den Kriegsjahren abgespielt hat und nicht um Schuldgefühle zu wecken. Ich komme damit ihr aus diesen Zeiten für die Zukunft lernt, damit die Welt menschlicher wird und keine Kriege mehr der Menschheit Unheil bringen. Ich bin jetzt über 80 Jahre alt und hoffe, dass ihr euch dafür einsetzt.“

Otto und andere Schüler haben auch noch Fragen an den Gast aus Israel. Die Schulstunde war einfach zu kurz um über die dramatischen Ereignisse zu berichten und alle Fragen zu beantworten. Sie werden ihre Fragen per E-Mail nach Tel Aviv senden. Zwi Helmut Steinitz hat versprochen allen ausführlich zu antworten.

– Elvira Grossert

 

E-Mail von Zvi und Regina Steinitz an Frau Kindt vom 14.02.2010. Die Rechtschreibung wurde nicht angepasst.

Da ich nun Ihre richtige e-Mailanschrift habe, kann ich Ihnen auch direkt schreiben, ein kleiner Fehler in der Anschrift die mir Frau Grosser ubermittelte, fuehrte dazu dass meine Post zurueck gewiesen wurde.
Wir sind in letzten Jahren oft nach Deutschland eingeladen worden, und bei diesen Besuchen immer nur sehr wertvolle Menschen, Lehrer getroffen, die sich laufend fuer das Gedenken und nicht Vergessen angagieren. Lehrer die es fuer ihre Lebensaufgabe halten, ihre Schueler mit Geschichte der dunklen Nazizeit vertraulich zu machen, damit sich eine derartige Schreckenszeit, die so vielen Voelkern und auch dem deutschen Volk unglaublich grosses Leid zugefuegt hat, nie wieder wiederholt.
Ist eigendlich bewundernswert das grade sehr junge Schueler grosses Interesse zeigen und auch Aktiv beteiligen moechten. Habe neulich ein Buch gelesen, von einem Lehrer geschrieben, dass seine Klasse sich mit der Sanierung eines verlassenen juedischen Friedhofes beschaeftigte, auch Grabsteine aufdeckten, sie reinigten, bewundernswert, dass man so junge Kinder dafuer gewinnen kann.
Desgleichen Ihre Klasse als Geschichtslehrerin, in Ihrer Begleitung den Todesmarsch recherchierten, und dadurch noch eine Seite dieser schlimmen Zeit kennen lernten, sogar Erwachsenen mit Stolz vorstellten.
Einem Lehrer muss das ja ein Gefuehl der Zufriedenheit verleihen, denn hier geht es ja darum aus der Geschichte fuer die Zukunft zum Wohl der Menschen zu lernen.
Wenn ein Lehrer seine Schueler ueberzeugt, wie wichtig es ist, die Wahrheit zu kennen, die Opfer nicht der Vergessenheit zu ueberlassen, ihrer zu gedenken, als Lehre fuer eine bessere Zukunft. ist das nicht Erfolg, sondern auch eine nenneswerte Errungenschaft. Ein gutes Beispiel ist Lukas, der unter Neonazis aufwaechst, sich aber nicht irritieren laesst, die Welt mit eigenen Augen betrachtet, und eine eigene Lebensanschauung hat, die ihn von Extremisten fern haelt, ihre Gefahr fuer die Zukunft rechtzeitig erkannt hat.
Ich verstehe wie schwer es einem Lehrer fallen muss ueber diese traurigen Ereignisse zu sprechen, was aus normalen Menschen werden kann, falls sie in die Falle der Propaganda eines brutalen Regimes geraten, blind und gehorsam folgen, und zu allem bereit waren. Wir schwer ueberhaupt das Verhalten der damaligen Menschen, fuer im Frieden aufgewachsene, zu begreifen ist. Wir selbst stellen uns immer wieder die Frage, wie war das moeglich der blinde Gehorsam, zu welchen katastrophalen Folgen er fuehrte. Wenn das die heutige Junge Generation begreift, werden wohl keine Kriege mehr ausbrechen, kein Fanatismus die Welt beherrschen. Das ist unsere Hoffnung, wir kommen nicht um Schuldgefuehle zu wecken, wir kommen um aufzuklaeren, zu warnen, zu mahnen. es ist unsere Aufgabe und Pflicht im Namen der Opfer zu sprechen.
Sollten Ihre Schueler zusaetzliche Fragen haben, bin ich gerne bereit zu antworten.
Bitte richten Sie Lukas meine Gruesse und Anerkennung aus, eigendlich der ganzen Klasse, das gebuehrt den jungen Kindern!!
Bei jedem Besuch treffen wir immer wieder sehr interessierte und liebenswwuedige Menschen, nach unserem Schweriner Besuch kann ich mit Sicherheit das Gleiche sagen.

Gruessen Sie bitte auch die zwei Kleinen Schueler Trine und Phong herzlichst, vielleicht bietet sich noch Gelegenheit fuer einen zukuenftigen Besuch in Schwerin, falls die Einweihung einer Gedenktafel am Mutterdenkmal stattfindet, und der nette Herr Martin Klaehn, fuer die noetigen Kosten sorgt, und ich auch dabei sein koennte. Ich war ja der erste der auf die fehlende Gedenktafel aufmerksam gemacht hat, sowohl auf die Tatsache, dass auch Amerikaner Tausende befreit haben, auch mich.
Auch Amerikanern gebuehrt die Ehre als Befreier dargestellt zu werden, nicht nur Russen.

Kinder bilden und gestalten die Zukunft eines Volkes, was sie in ihrer Jugend mitbekommen, nehmen sie in ihr Leben mit. Der Lehrerbeitrag spielt ausserhalb der Kinderstube eine bedeutende Rolle. Sie treffen im Rahmen ihrer zusaetzlichen Taetigkeit Frau Ramsenthaler und Frau Grossert, die auch sehr angagiert sind junge Schueler an verschiedenen Projekten im Rahmen der Gedenkstaette Woebbelin, zu beteiligen, aus historischer und pedagogischer Sicht, sehr schaetzenswert.
Wir wuenschen Ihnen recht viel Erfolg im beruflichen Bereich
Gruessen herzlich

Zwi und Regina Steinitz

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