29. Januar 2025

„Es wird schon gut gehen“

Auswandern. Das Vertraute hinter sich lassen und bereit sein für ein neues Leben. Diesen Schritt wagen offiziell seit Jahren rund 240 000 Deutsche. Auch aus Schwerin und Umgebung zieht es Menschen in die Ferne. Unser Autor Patrick Kiefer suchte nach ihnen. Warum ließen sie die Heimat hinter sich? Haben sie ihren Entschluss je bereut? In Teil 3 unserer Serie spricht Oda Risse aus Plate-Peckatel über ihren Weg nach Paris und Brüssel sowie ihre hohe Bereitschaft zum Sprung ins Ungewisse.

Kurz vor der Deutschen Einheit erblickte Oda Risse in Borken im Münsterland das Licht der Welt. Sie war gerade ein Jahr alt, als ihre Eltern die Koffer packten. Ab in den Osten – Umzug nach Schwerin. Warum? „Mein Vater war Leiter des Referates Denkmalschutz und er fand die Aufgaben in der ehemaligen DDR extrem reizvoll“, antwortet die 33-Jährige. „Den Aufbau der Denkmalschutzverwaltungen, die Rettung von Schlössern und Gutshäusern sowie der alte Glanz der Küstenorte – das lag ihm einfach am Herzen.“ Seine vier Kinder besuchten allesamt das Gymnasium Fridericianum in Schwerin – eine Zeit, an die sich Oda Risse gerne erinnert: „Meine Lieblingsfächer waren Deutsch und Sozialkunde. Nach der Schule ging ich oft mit Freunden segeln.“ Im kleinen Pirat oder der Jolle des SSV ging es raus nach Kaninchenwerder. Chillen. Toll: Bis heute sind aus den alten Zeiten am und auf dem Wasser noch sechs gute Freunde geblieben. An Paris oder New York dachte damals auf dem Schweriner See freilich noch niemand.

„Nach dem Abi ging es dann aber für ein halbes Jahr nach New York. Ich wurde ins pralle Leben geschleudert“, erinnert sich Risse. Sie absolvierte ein Praktikum bei einer Kunstversicherung und bezog ein Zimmer in einem Mädchen-Wohnheim mitten in Manhattan. „Ein Onkel von mir lebt in New York. Dessen Kontakte verhalfen mir zu dem günstigen Platz im Wohnheim“, erzählt Risse. Mit 19 sah sie die Welt plötzlich mit anderen Augen. Menschen aus aller Herren Länder, Wolkenkratzer, Konsum, Kultur und auch die Hektik des Big Apple. Bekam sie auch etwas vom legendären Nightlife mit? Schließlich darf man in den USA bekanntlich erst mit 21 in Bars und Clubs? „Das ging zum Glück leichter als gedacht“, antwortet sie lachend. Weitere Details will sie nicht preisgeben. Wie dem auch sei: Aus der Zeit im Wohnheim ist noch mehr hängen geblieben. Eine Mitbewohnerin schwärmte ihr nämlich äußerst überzeugend vom Studiengang „European Studies“ in Passau vor. Sie schrieb sich tatsächlich ein und erlebte einen Kulturschock. Von New York nach Niederbayern – nun ja.

Mit dem Motorroller durch Paris: Unbeirrt konzentrierte sich Oda Risse auf die Fächer Sprache, Politik und BWL. 2013 machte sie ihren Bachelor of Arts. Wie es genau weitergehen sollte, wusste sie nicht, aber nun half ihr die Liebe auf die Sprünge. „Mein Freund und heutiger Mann Jonas zog für seine Masterarbeit nach Paris“, erzählt sie. „Also bewarb ich mich dort für ein Praktikum und ging einfach mit.“ Das Praktikum bei der großen Web-Marketing-Agentur „Webedia“ mündete in einer Festanstellung. Risses Aufgabe: Die Kontaktpflege zu Werbekunden aus Deutschland. „Mit den Inhalten meines Studiums hatte das sogenannte ‚Partnership Management‘ nicht viel zu tun. Aber ich kam gut klar und verdiente mein erstes eigenes Geld“, erzählt sie. Mit der Metro fuhr sie täglich bis zur bekannten Station „La Defense“. Unterdessen fand Jonas eine Anstellung bei einem Energieversorger und so lebten sie insgesamt drei Jahre im 17. Arrondissement. „Wir tauchten ein in das Savoir Vivre – am liebsten mit unserem Motorroller“, erzählt Risse. Essen und Trinken, die Mode, die kulturelle Vielfalt, der Bummel durch die Straßen – die charmante Lässigkeit der Pariser hat es ihr angetan. Und sie fügt an: „Wer in Paris wohnt, hat ständig Besuch von Freunden oder Geschwistern. Auch das fanden wir sehr schön.“

Im Sommer 2018 kam unverhofft ein Einschnitt. Weil ihr Mann einen Job in Brüssel annahm, suchte auch Oda Risse dort nach einer Aufgabe. Sie fand sich beim Unternehmen Thalys, dem Betreiber des französischen Hochgeschwindigkeitszuges. „Ich habe generell keine Angst vor neuen Herausforderungen“, sagt Risse selbstbewusst und trifft damit wohl den Kern ihres Charakters. Es gibt für alles eine Lösung. Mit dieser Einstellung kommt nicht nur sie gut durchs Leben. Wie fühlt sich Brüssel, der Sitz der Europäischen Union, im Alltag an? „Es wimmelt natürlich von Beamten und Politikern. Aber die Kneipenkultur ist sehr gemütlich und liebenswert. Je besser man sich hier auskennt, umso schöner wird es“, findet Risse.

„Wir fühlen uns ziemlich frei“: Im Mai letzten Jahres ist sie übrigens Mutter geworden und kurz darauf machten sich ihre Eltern aus Peckatel auf den Weg zu ihr und dem Baby. Im Alter von vier Monaten fuhr die Kleine dann erstmals in Oda Risses alte Heimat. „Wir haben im Schweriner Dom geheiratet und dort wollten wir auch unsere Tochter taufen lassen“, berichtet die stolze und heimatverbundene Mama. Henriette heißt die Kleine. Und es steht fest, dass sie in Frankreich aufwachsen soll. „Bei Thalys gab es kürzlich eine Entlassungswelle und ich werde mir jetzt wieder einen Job in Paris suchen.“ Die Kündigung ist kein Problem für die Frau aus Plate: „Es wird schon alles gut gehen“, sagt sie überzeugt. „Die Deutschen in Paris sind untereinander ziemlich gut via Facebook vernetzt. Da kann man Glück haben und als Nachmieter auch kurzfristig eine schöne Wohnung kriegen.“ Glück? Bei Oda Risse wird man das Gefühl nicht los, als würde sie positive Schwingungen geradezu magisch anziehen. Kann sie sich denn vorstellen, eines Tages in die Gegend von Schwerin zurückzukehren? „Wir fühlen uns ziemlich frei, wobei die Zukunft natürlich auch immer mit Jobperspektiven verknüpft ist. Stellen Sie mir die Frage in ein paar Jahren noch einmal. Wenn Henriette in die Schule kommt, sortiert sich das Leben vielleicht noch Mal neu.“

Von Patrik Kiefer

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