9. Juli 2024

Fridericianer leistet Nazis Wiederstand und bezahlt mit seinem Leben

Vergleichsweise wenige Geistliche fanden den Mut, im Dritten Reich Widerspruch anzumelden. Einer von ihnen war der in Schwerin geborene Bernhard Schwentner. Von FrankWilhelm SCHWERIN/NEUSTRELITZ – Einen Tag vor der Eröffnung der Hauptverhandlung im Juni 1944 wandte sich der katholische Pfarrer Dr. Bernhard Schwentner (1891-1944) in einem Abschiedsbrief an seine Gemeinde in Neustrelitz. Gefangen in der Haftanstalt Berlin-Moabit hat der damals 52-jährige Geistliche offensichtlich geahnt, was auf ihn zukommt. „Wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich nicht mehr auf Erden. Man möge mich nicht beweinen. Ich betrachte meinen Tod als Martyrium, und so möge es auch Haus, Heim und Pfarre auffassen. Bedingungslos habe ich meinen Willen dem göttlichen untergeordnet. Der Gemeinde meine letzten Grüße undWünsche. Sie möge stark im Glauben bleiben. Sie möge für mich beten und gut von mir denken. Ich habe nichts Unrechtes getan. Auf Wiedersehen in einer anderen besserenWelt! Euer Pfarrer.“ Am 13. September 1944 sprach der Volksgerichtshof in Potsdam das Todesurteil gegen Bernhard Schwentner „wegen Heimtücke und Feindbegünstigung“ aus, wie Historikerin Kyra T. Inachin in ihrem 2005 von der Landeszentrale für politische Bildung MV herausgebrachten Band „Von Selbstbehauptung zum Widerstand. Mecklenburger und Pommern gegen den Nationalsozialismus 1933 bis 1945“ schreibt. Vor gut 80 Jahren wurde Schwentner im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Am 30. Oktober 1944 setzte das Fallbeil seinem Leben ein Ende. Er sei einer der wenigen „renitenten Geistlichen“ im Nordosten gewesen, die „aufgrund ihres christlichen Serbstverständnisses Widerstand“ gegen die Nazidiktatur leisteten, hebt Inachin hervor. Geboren wurde Bernhard Schwentner am 18. September 1891 als Sohn einer Schweriner Beamtenfamilie. Sein Vater war Rechnungsrat am Schweriner Hoftheater. „Die haushälterische Sparsamkeit seines Elternhauses begleitete Schwentner lebenslang“, heißt es auf der Internetseite der Schweriner St. Anna-Pfarrei. Er besuchte die katholische Gemeindeschule, danach das Gymnasium Fridericianum in Schwerin. Anschließend studierte er Theologie in Münster. 1914 wurde Schwentner in Osnabrück zum katholischen Priester geweiht. Nach wenigen Monaten als Vikar an der St.-Marienkirche in Hamburg-St. Georg wurde Schwentner im Ersten Weltkrieg als Militärgeistlicher an der Front eingesetzt. Nach dem Ende des Krieges ging er zurück nach Hamburg als Vikar an die St.-Ansgar-Kirche. 1925/26 absolvierte er ein weiteres Studium in Rom, das meist herausgehobenen katholischen Geistlichen vorbehalten war. Schwentner promovierte in Münstner und an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Die katholische Gemeinde in Friedrichstadt (Schleswig-Holstein) war 1920 bis 1927 sein erster Dienstort als Priester, ehe er am 30. März 1927 zum Pfarrer in Neustrelitz ernannt wurde. Zudem wirkte er als Garnisonspfarrer in der Residenzstadt und war Vorsitzender der Priesterkonferenz für Mecklenburg. Unter den Bürgern in Neustrelitz und den Offizieren galt er „wegen seiner Rechtschaffenheit und Geradlinigkeit zu den geachteten und angesehenen Bewohnern“, wie es von der Hamburger St. Ansgar- Gemeinde heißt. VonStrafanstaltAlt-Strelitz insGefängnisAlt-Moabit Den Nazis war der kluge und weltgewandte Pfarrer spätestens seit der Machtergreifung 1933 ein Dorn im Auge. Bereits 1934 wurde gegen ihn ein Verfahren wegen „Heimtücke“ eingeleitet, das im Sande verlief. Verdächtig wurde Schwentner in den Augen der Nationalsozialisten unter anderem auch wegen seiner Fürsorge gegenüber Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen katholischen Glaubens. Um den kritischen Priester kaltzustellen, wurde ihm auf Veranlassung des berüchtigten Gauleiters Friedrich Hildebrandt eine Falle gestellt, wie Historikerin Inachin schildert. Karl Aha, ein in der Luftwaffenerprobungsstelle in Rechlin tätiger Monteur und Flugzeugprüfer, erhielt den Auftrag, Schwentner in einem persönlichen Gespräch staatsfeindliche Äußerungen zu entlocken. Das Treffen fand am 11. August 1943 statt. „Pfarrer Schwentner sprach ganz offen aus, dass er den Krieg für verloren hielt und äußerte deutliche Kritik an der Regierung“, so Inachin. Offensichtlich hegte der Pfarrer keinerlei Misstrauen gegenüber dem Spitzel. So schnitt Aha auch die angebliche Kriegsschuld der Juden an. Daraufhin antwortete Schwentner: „Wissen Sie denn, wie wir in Deutschland mit den Juden umgegangen sind? Ich kann nur das eine sagen, die Zeit kommt vielleicht schon in Kürze, wo über alles gesprochen werden kann. Dann werden wir staunen, wie wir belogen worden sind. Ich könnte Ihnen ja schon vieles sagen, aber man darf es nicht.“ Spion Aha übergab ein Gedächtnisprotokoll des Gesprächs an die Gestapo. Nach zwei Monaten wurde Schwentner verhaftet. Zunächst kam er für mehrere Monate hinter die Gitter der Strafanstalt Alt-Strelitz. So es genehmigt wurde, besuchte ihn sein Kaplan Heinrich Kottmann. Berichtet wird von einem Wärter namens Wewelmann, der Schwentner Ess- und Rauchwaren zukommen ließ und seine Briefe an die Kapläne beförderte. Im Mai 1944 wurde Schwentner ins Gefängnis Alt-Moabit überführt. In der Anklageschrift heißt es: „Der Angeschuldigte gehört offenbar zu den falschen Priestern, die kein Vaterland kennen und unter dem Vorwande, der Nationalsozialismus bedrohe das Christentum, eine verschlagene Zersetzungspropaganda gegen das nationalsozialistische Großdeutschland entfalten.“ Diese „Kreise“ würden selbst vor „dem Gedanken einer Ermordung des Führers nicht zurückschrecken“. Moralische Unterstützung aus Neustrelitz fiel offenbar spärlich aus. „Beschämend war, dass die ehemaligen Freunde und Bekannten Schwentners unter den Offizieren und Honoratioren der Stadt sich nicht für seine Freilassung einsetzten – er war ein Verfemter, für den sich niemand verwenden wollte“, heißt es von der Hamburger Ansgar-Gemeinde. Der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning habe sich vergeblich um Schwentners Freilassung bemüht. Dank des Tagebuchs von KaplanKottmann sind Einzelheiten zum ProzessamVolksgerichtshof in Potsdam überliefert. Der für den 20. Juni 1944 angesetzte erste Verhandlungstermin musste vertagt werden, da der Hauptbelastungszeuge nicht erschienen war. Bei der zweiten Verhandlung am 15. September 1944 führte der Richter den Vorsitz, der schon zuvor drei katholische Kapläne aus Lübeck und einen evangelischen Pastor zum Tode verurteilt hatte, notierteHeinrich Kottmann. „Das Todesurteil für Schwentner stand wohl schon vor Prozesseröffnung fest.“ Obwohl sich der einzige Zeuge, der Denunziant Karl Aha, inWidersprüche verwickelte, seien keine Entlastungszeugen gehört worden. Schwentner hielt den Prozess für eine Farce, darum verzichtete er auf das ihm zustehende Schlusswort. Kurz vor seiner Hinrichtung im Gefängnis von Brandenburgam30. Oktober 1944 schrieb Schwentner in sein Brevier, sein katholisches Stundenbuch: „Dr. Bernhard Schwentner, Pfarrer von Neustrelitz, geb.: 28.9.1892 in Schwerin, Gestorben: am 30.10.1944 in Brandenburg um 12:30 Uhr. Ich sterbe ruhig und gefasst. Gruß in Christus.“ Seine Leiche wurde sofort verbrannt, die Urne in Brandenburg beigesetzt. 1949 wurde Schwentners Asche nach Neustrelitz überführt, wosie neben der katholischen Kirche beigesetzt wurde. Anlässlich seines 80. Todestages mahnte der Hamburger Pfarrer Felix Evers bei dem Requiem für den ehemaligen Landtagspräsidenten Rainer Prachtl in Neubrandenburg, dass Schicksale wie die von Bernhard Schwentner nie vergessen werden dürften. Die Pfarrei Seliger Niels Stensen Waren-Neustrelitz ehrt den Priester alljährlich an seinem Todestag mit einem Gedenkgottesdienst. In Neustrelitz ist eine Straße nach Schwentner benannt, zudem erinnert ein Stolperstein vorm alten Pfarrhaus an sein Schicksal. In Hamburg- Wilhelmsburg gibt es einen „Schwentner-Ring“, wo sich zudem ein Hinweis auf den Pfarrer als „Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus“ findet. Auch in seiner Geburtsstadt wurde eine Straße nach ihm benannt. Die Straße vom Dreescher Markt hinunter zumGrünen Tal hieß zu DDRZeiten „Straße der Deutsch- Sowjetischen Freundschaft“. 1991 wurde sie in „Wuppertaler Straße“ umgetauft, nach Schwerins Partnerstadt in Nordrhein-Westfalen. Seit 1997 trägt sie den Namen „Bernhard Schwentner“. Die katholische Kirche hat Schwentner im Jahr 1999 als Glaubenszeugen in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen, ein von Papst Johannes Paul II. angeregtes Verzeichnis der Deutschen, die als Märtyrer gelten. Im Gefängnis verfasste Bernhard Schwentner sein letztes Gedicht. In der ersten Strophe heißt es: In dem Dunkel meiner Zelle flehe ich zu Gott empor: gebe meiner Seele Helle, sende deiner Engel Chor! Schüler der katholischen Schule Neustrelitzmit Pastor Bernhard Schwentner Anfang 1930  Pfarrer Bernhard Schwentner  In seiner Geburtsstadt erinnert seit 1997 eine Straße an Bernhard Schwentner, der 1891 in Schwerin zurWelt kam.  Vor dem ehemaligen Pfarrhaus in Neustrelitz erinnert ein Stolperstein an den mutigen Pfarrer.

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