Das Kaufhaus Kychenthal am Schweriner Marktplatz in den 30er Jahren. Heute befindet sich hier die Rösterei Fuchs. FOTOS: MATTHIAS BAERENS
13. Januar 2020

Happy Birthday zum Abschied

Schweriner Volkszeitung, 13.01.2020, Matthias Baerens

Wie Hans Kychenthal aus Chile sich mit seiner Heimatstadt Schwerin versöhnte

Von Matthias Baerens

Am 16. November 1939 erreicht das italienische Passagierschiff „Conte Grande“ nach einem Monat Fahrt die Hafenstadt Valparaiso in Chile. Mit an Bord sind der knapp vierjährige Hans Kychenthal und seine Eltern aus Schwerin. Vor den Nazis musste die jüdische Kaufmannsfamilie damals aus ihrer mecklenburgischen Heimat fliehen. Mit einem Telefonanruf im Jahr 1997 beginnt meine persönliche Bekanntschaft mit Hans Kychenthal. Ich wollte ihn in Chile für die historische Abschlussarbeit meines Studiums befragen. Er lädt mich ein. Schon wenige Wochen später sitze ich in Santiago de Chile in seiner Wohnung mit Blick auf die Anden. Vor mir liegen tausende Seiten Originalakten aus meiner Heimatstadt Schwerin. Alle Akten und persönlichen Briefe hatten Hans’ Eltern bei ihrer Flucht mitgenommen, im Handgepäck per Schiff. Das eigentliche Umzugsgut wurde damals von den Nazis geraubt und später versteigert. Durch die Vertreibung aus Deutschland hatte die Familie fast alles verloren: ihr Kaufhaus am Schweriner Marktplatz, Freunde und Verwandte. Großvater und Kaufhaus-Gründer Louis Kychenthal wird 1942 aus Schwerin ins KZ Theresienstadt deportiert und stirbt wenig später. In Chile muss die Familie komplett von vorn beginnen. Hans’ Eltern reden möglichst nicht über ihre traumatischen Erlebnisse in Deutschland und hoffen damit ihren einzigen Sohn zu schützen. Er arbeitet schon bald in der Firma seines Vaters. Diese ist schon in den 60er Jahren zur führenden Werbemittelfirma in Chile geworden. Doch als Anfang der 70er Jahre der sozialistische Präsident Allende an die Macht kommt, da kommt eine alte Angst wieder hoch. Zum zweiten Mal droht auf einmal die Enteignung und Vertreibung der Familie. Nicht weil sie Juden sind wie 1939 in Deutschland; sondern weil sie jetzt „Kapitalisten“ sind. Eine Flucht nach Westdeutschland ist schon komplett vorbereitet, ein Teil des Gepäcks schon in Europa. Im September 1973 putscht dann General Pinochet. „Das hat uns gerettet, ich bin ihm dankbar dafür“, sagte mir dazu Hans. Mir blieb damals der Mund kurz offen, mein DDR-Weltbild geriet ins Wanken. War nicht Allende der Gute? Im Jahr 1990 hatte Hans begonnen, sich um die Rückgabe des ehemaligen Kaufhauses in Schwerin an seine Familie zu bemühen. Zu DDRZeiten war das nicht möglich. Doch auch die in Westdeutschland lebenden Erben der Nazifamilie wollten jetzt das Haus zurückhaben. Ihre Familie flüchtete nach 1945 aus Schwerin vor den Russen und der entstehenden DDR, stand aber immer noch als Eigentümer im Schweriner Grundbuch. Der Rückführungsantrag der Kychenthals hatte dann nach langer Bearbeitung Ende der 90er Jahre schließlich Erfolg. Hans wollte das Haus behalten, doch auf Wunsch der eigenen Erbengemeinschaft wurde es wieder verkauft. Im Jahr 2013 flog ich nochmals nach Chile, diesmal für einen NDRFilm über Hans. Ich fand alle Akten so vor, wie ich sie 1998 sortiert hatte. Sogar meine alten Notizen klebten noch an den einzelnen Blättern. Doch im Unterschied zu meinem ersten Besuch 1998 hatte Hans inzwischen begonnen in den Akten zu lesen und am Stammbaum seiner Familie zu arbeiten. „Für mich hat sich ein Zyklus geschlossen. Und das ist gut so“, sagte er uns dann vor der Kamera im Januar 2014 in Schwerin. Hans interessiert sich sehr für seine Heimatstadt. Er spricht mit Schülern im Fridericianum über seine Lebensgeschichte, trifft den Stadtpräsidenten, besucht das Staatstheater, spendet einen größeren Betrag für die Stolperstein- Initiative. Bereits im Mai 2014 kam er erneut nach Schwerin, diesmal zusammen mit seinen Enkeln. „Ich muss ihnen das hier zeigen, das ist meine Aufgabe“, sagte er. Beim Filmkunstfest konnten die Schweriner Kinobesucher nicht nur den Film „Kychenthals Rückkehr“ erleben, sondern auch Hans persönlich. In einem Hotel hatte ich damals ein besonderes Treffen organisiert. Hans trifft dabei die Nachfahren der Nazi-Familie. Mit ihnen hatte er lange nur über Anwälte um die Rückgabe der Immobilie des ehemaligen Kaufhauses gestritten. Gesehen hatten sich beide Parteien aber noch nie. Aufarbeitung und Versöhnung beginnen jetzt mit gegenseitigem Zuhören und miteinander Reden. Die intensive Beschäftigung mit seiner eigenen Familiengeschichte hat Hans verändert. So war es ihm jetzt wichtig, endlich eine richtige Geburtsurkunde aus Deutschland zu bekommen – ohne den in der alten Urkunde zwangsweise von den Nazis zusätzlich ergänzten Vornamen „Israel“. Ich habe ihm 2017 diese neue Urkunde ausstellen lassen. Im Dezember 2018 flog ich letztmals zu Hans nach Chile. Eine Krebstherapie hatte ihn in den Monaten zuvor viel Kraft gekostet. „Ich will wieder richtig gesund werden“, sagte er. Für einige Stunden fuhr er täglich schon wieder mit seiner Frau Ulla „ins Geschäft“. Ich war schwer beeindruckt von seinem Lebenswillen und seinem positiven Blick auf die Zukunft. Hans hatte sich inzwischen dafür entschieden, die Akten seiner Familie einem jüdischen Archiv in Chile zu übergeben und dieses finanziell zu unterstützen. Wir fuhren zusammen hin. Für mich war es zugleich ein komisches und gutes Gefühl, all diese Dokumente jetzt hier zu sehen. Hans sagte nur: „Niemand aus meiner Familie kann künftig noch auf Deutsch lesen. Hier ist alles gut aufgehoben. Das ist die beste Lösung.“ Mit einem Telefonanruf hörte jetzt alles auf. Als ich Hans Kychenthal am 9. Januar 2020 zu seinem 84. Geburtstag gratulieren wollte, erreichte ich nur seine Frau Ulla. „Hans ist gestern gestorben“, sagte sie. Es verging eine gefühlte Unendlichkeit, bis ich nach Sekunden der Stille überhaupt reagieren konnte. Ich wusste ja, dass es Hans gesundheitlich nicht so gut ging. Aber jetzt durchströmte mich eine tiefe Trauer. „Wir haben ihn gerade beerdigt“, sagte Ulla. Es sei jüdischer Brauch, dies so schnell zu tun. Und er sei ohne Schmerzen gestorben, seine Familie war bei ihm. „Wir haben für ihn zuletzt noch zusammen ‚Happy Birthday‘ gesungen.“

Hans Kychenthal

In der vergangenen Woche ist Hans Kychenthal in Santiago de Chile gestorben. Sein Großvater gründete einst ein großes Kaufhaus am Schweriner Marktplatz. Nach der Wende kehrte Kychenthal mehrfach nach Schwerin zurück, sprach in Schulklassen und spendete für Stolpersteine. Beim Filmkunstfest 2014 lief der Dokumentarfilm „Kychenthals Rückkehr“ von Matthias Baerens und Thilo Tautz. Wir baten Matthias Baerens seine Begegnungen mit Hans Kychenthal zu schildern.

Das Kaufhaus Kychenthal am Schweriner Marktplatz in den 30er Jahren. Heute befindet sich hier die Rösterei Fuchs. FOTOS: MATTHIAS BAERENS

Dreharbeiten für den Film “Kychenthals Rückkehr” 2014 in Schwerin FOTOS: MATTHIAS BAERENS

Die Kommentare sind geschlossen.

zurück