Internationales Schultheaterprojekt „Esther leben“ (2012/13)
Internationales Schultheaterprojekt „Esther leben“ (2012/13)
Der Versuch einer Zwischenbilanz
„Als ich das erste Mal von diesem Projekt hörte, war ich sofort interessiert, schien es sich doch vom normalen Schultheater zu unterscheiden. Wir würden mit ausländischen Schülern zusammenarbeiten und fremde Städte bereisen.[…]“ (Georg, 14 Jahre)
So beginnt das Resümee eines Schülers, der nach der ersten Phase eines interessanten Projektes, das hier kurz umrissen werden soll, Bilanz zieht.
In Schwerin findet – initiiert vom Leiter des Konservatoriums Schwerin, Volker Ahmels, und ausgerichtet vom Verein Jeunesses musicales Mecklenburg Vorpommern – seit 2000 der Musikwettbewerb „Verfemte Musik“ statt, dessen Rahmenprogramm seit 2006 um einen von Schülern erarbeiteten Beitrag erweitert ist. Nach den Ausstellungen „Izzy Fuhrmann“ (2006) und „Künstler im Exil“ (2008), zusammengestellt von Oberstufenschülern des Gymnasium Fridericianum Schwerin, begann 2010 das erste Theaterprojekt an dem wiederum deren Schüler beteiligt waren. Gemeinsam mit der Regisseurin Katharina Waldmann genannt Seidel gelang es, mit Schülern einer 6./7. Klasse das Leben des jüdischen Musikers Alexandre Tansman auf die Bühne zu bringen. Als zwei Jahre später feststand, dass das internationale Projekt „ESTHER – Europäische Strategien zur Holocausterinnerung“, getragen und koordiniert vom Landesverband Jeunesses Musicales Mecklenburg-Vorpommern, mit dem Schultheaterteil „Esther leben“ gefördert werden würde, waren die Schüler, die 2010 im Stück über Alexandre Tansman gespielt hatten, in der 8. Klasse. Für das neue Theaterstück, das ausschließlich in der Freizeit der Schüler entstehen sollte, wurden zunächst 12 Interessierte in den 8. Klassen gesucht. Innerhalb kurzer Zeit waren 18 Schülerinnen und Schüler angemeldet, von denen etwa drei Viertel zwei Jahre zuvor bereits bei „Tansman“ mitgewirkt hatten. Dadurch konnten auch noch technische „Personalstellen“ wie Beleuchter und Regieassistenten besetzt werden. So wie eingangs zitiert, war der internationale Aspekt sicher auch ein Lockruf für die Schüler. Andererseits deutet der hohe Anteil an „Wiederholungsschauspielern“ darauf hin, dass die Erarbeitung eines Theaterstücks als eine Form der historischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auch schon für jüngere Schüler geeignet scheint.
Das europäische Schultheaterprojekt, basierend auf einer Idee von Christiane Richers und inszeniert durch Katharina Waldmann genannt Seidel, sollte am 26. September 2012 in Schwerin in der Aula des Gymnasium Fridericianum Premiere haben.

Das Stück beschreibt das Leben der Hamburger Jüdin Esther Bauer, die 18 Jahre alt war, als sie 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Ihr Leidensweg führte sie von dort über Auschwitz nach Mauthausen. Sie überlebte die Zeit des Terrors und der Verfolgung und wanderte nach der Befreiung in die USA aus, wo sie noch heute lebt.
Die Idee dieses international angelegten Projektes war es, Schüler des Akademischen Gymnasiums Wien, der Deutschen Schule Helsinki und des Gymnasium Fridericianum Schwerin zunächst unabhängig voneinander Teile des Stückes einstudieren zu lassen, um anschließend in einer gemeinsamen fünftägigen Probenphase im September 2012 unter Leitung von Katharina Waldmann genannt Seidel alle drei Teile zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Dabei sollten die Schüler aus Helsinki die Kindheit von Esther Bauer, die Schweriner die Zeit der Ausgrenzung, der Verfolgung und der Deportation während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und die Wiener Schüler Esthers Erlebnisse nach der Befreiung darstellen.
In Schwerin begannen im Mai 2012 die Vorbereitungen. Zur Einführung nutzten wir einen Dokumentarfilm über Esther Bauer, den Richard Haufe-Ahmels gedreht hatte. Der Film beeindruckte die Schüler, da Esther Bauer sich als humorvolle, offene alte Dame zeigte, die trotz eines unvorstellbar schweren Schicksals wieder Lebensfreude entwickeln konnte. In wöchentlichen zweistündigen Proben näherten sich die Schüler dann den Erlebnissen Esther Bauers während der Zeit des Nationalsozialismus. Zeitgleich beschäftigten sich die finnischen Schüler mit der Kindheit der Heldin und die Österreicher mit ihrem Leben nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Regisseurin hatte sich früh für ein einfaches, auch an den anderen Aufführungsorten einsetzbares Bühnenbild entschieden, das vor allem aus blauen, mit weißen Streifen versehenen Tüten für die Häftlinge und schwarzen für die Aufseher sowie einigen mehrfach einsetzbaren Kartons bestand.
Mit Spannung sahen alle der gemeinsamen Probezeit und den Aufführungen entgegen. Die Schüler aus Helsinki und Wien reisten im Laufe des 21. September 2012 in Schwerin an. Die Tage vom 22. bis 25. September standen für die gemeinsamen Proben zur Verfügung. In nur vier Tagen mussten die drei erarbeiteten Teile gemeinsam geprobt, miteinander verbunden und die technischen Details wie Beleuchtung abgestimmt werden.
Während die Schweriner und Wiener Schüler 14 Jahre alt waren und auch keine Verständigungsprobleme hatten, brauchten die Finnen, da jünger, wenig deutsch sprechend und in einer kleinen Gruppe mit 8 Schülern angereist, Zeit zum Annähern.

Nach Aufwärmübungen für die Bühne und einer ersten Darstellung der in den Heimatorten einstudierten Szenen, begannen zunächst die Proben für die die einzelnen Teile verbindenden Elemente sowie die gemeinsame Abschlussszene. Dafür waren u.a. zwei Lieder vorgesehen, die auch in Wien und Helsinki schon geübt worden waren. Das erste, zu Beginn des Schweriner Teils, war „Der morgige Tag“ aus dem Film „Cabaret“. Ein Schüler trat vor den Vorhang und sang die erste Strophe, während die Darstellerin der Esther vorher zunächst allein auf der Bühne saß. Dann traten nach und nach alle anderen Schüler hinzu. Am Ende des Liedes sollten alle außer Esther in der Haltung des Hitlergrußes stehen. Dieses Bild, das den Beginn der Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung zeigen sollte, führte zu großen Diskussionen in der Gesamtgruppe. Die hatten wir vorher bereits im Mai schon in unserer Schweriner Gruppe bewältigen müssen. Einen ganzen Vormittag saßen alle Beteiligten in der Aula des Fridericianum im Kreis und diskutierten das Für und Wider des Zeigens des Hitlergrußes in dieser Szene. Mehrere Wiener Mädchen hatten Bedenken. Insgesamt verstanden alle Schüler den Ansatz der Regisseurin, die einzelne Person Esther vor dieser Wand der verblendeten NS-Anhänger zu zeigen, um die Ausgrenzung fassbar zu machen. Aber es bestand einhellige Ablehnung gegenüber der Geste des Hitlergrußes an sich. Außerdem befürchteten einige Wiener Mädchen, dass Zuschauer denken könnten, sie würden nicht eine Rolle darstellen, sondern ihre Ansichten. Im Nachhinein erwies sich dieser Vormittag für viele der Schweriner Teilnehmer als ein Schlüsselerlebnis, obwohl wir im Mai eine ähnliche, wenn auch kürzere und sachlichere Diskussion geführt hatten. Die starke Emotionalisierung der Wiener Mädchen hatte einen Hintergrund, den wir durch diese Gespräche erfuhren. Der eingangs zitierte Georg führt, auf Österreich bezogen, aus: „Interessant ist zum Beispiel ihr Umgang mit der NS-Zeit. Dort wird eher auf verstörendes, überfallartiges Kennenlernen der NS-Zeit gesetzt, weniger auf rationale Aufarbeitung.“ Gemeint ist damit, dass zwar alle Schülerinnen aus Wien bereits die Gedenkstätte Mauthausen besucht hatten, jedoch zuvor keine Beschäftigung mit der NS-Zeit in der Schule erfolgt war. Das Ergebnis waren sehr erschreckende Gefühle, deren die Mädchen kaum Herr wurden. Das Ergebnis der Diskussion war, dass jede/r Schüler/in entscheiden konnte, mit erhobenem Arm auf die Bühne zu gehen oder das Lied nur hinter dem Vorhang mitzusingen. Von 36 Darstellern nutzten diese Möglichkeit nur drei Mädchen aus Wien. Wie wichtig dieser Gesprächsvormittag für alle war, zeigen auch folgende Schüleräußerungen:
„Eine Szene beinhaltete z. B. den Hitlergruß, den einige nicht auf der Bühne ausführen wollten. Wir haben uns daraufhin zusammengesetzt und über unsere Motive gesprochen, warum wir diese Szene so spielen wollen oder nicht. Natürlich hatte niemand Spaß an diesem Gruß, aber für mich wurde diese Stelle im Theaterstück erst dadurch so beängstigend, wie sie sein sollte.“ (Erik, 14 Jahre)
„Ein interessanter Aspekt des Projektes war für mich auch der Umgang mit Problemen. Wir haben uns alle zusammengesetzt und versucht, den Ursprung des Problems zu analysieren und eine Lösung zu finden. Wie es uns dann ja auch gelungen ist.“ (Kim, 14 Jahre)
Die Proben verliefen dann aus heutiger Sicht ohne größere Schwierigkeiten. Trotzdem glaubten zwischendurch alle Beteiligten, egal ob Regisseurin, Schüler/innen oder Lehrerinnen, dass die Zeit zu kurz sein würde. Bei der Vorstellung am 26. September 2012 in der Aula des Gymnasium Fridericianum waren alle Plätze besetzt. Die Aufführung gelang hervorragend.
Am nächsten Tag fand im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus der von der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Landesverband Jeunesses Musicales Mecklenburg-Vorpommern und dem Festival „Verfemte Musik“ organisierte Fachtag „Geschichte und Geschichten auf der Bühne – Möglichkeiten und Grenzen von kultureller und historischer Bildung“ statt. An Beispielen verschiedener Projekte wollte dieser Fachtag zeigen, was Jugendliche durch die Mitarbeit an Inszenierungen über Geschichte erfahren und lernen können. Während andere Projekte durch Filme, Präsentationen und Darsteller vorgestellt wurden, waren für die Präsentation des „Esther-Projektes“ die Regisseurin sowie die begleitenden Lehrer aus Schwerin, Helsinki und Wien zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Die Grundannahme dafür war eigentlich, dass die Teilnehmer des Fachtags die Aufführung am Abend zuvor gesehen hatten. Da dies war aber nur bei einer sehr geringen Zahl der Fall war, funktionierte das für diesen Tagungsteil vorgesehene Moderationsxperiment, wobei die Teilnehmenden in die Rolle der Regisseurin und der Lehrerin schlüpften sollten, nicht. Das Ergebnis war, dass sich viele eine Meinung zu der Aufführung ohne Kenntnis anmaßten, das Projekt keine Würdigung fand.
Eltern, Kollegen, Schüler und viele andere Besucher, vor allem auch Esther Bauer selbst, hatten uns am Abend zuvor viel Anerkennung und Beifall gezollt.

Der zweite Abschnitt des Projektes fand im Januar 2013 in Helsinki statt. Am 11. Januar 2013 trafen unsere Schweriner Gruppe und die Wiener Schülerinnen in Helsinki ein. Jetzt standen nur zwei Tage für gemeinsame Proben zur Verfügung, um am 14. Januar zwei Vorstellungen zu geben. Die Betreuung der Aufführung übernahm nun eine finnische Schultheaterpädagogin, die im September bereits die finnische Gruppe in Schwerin begleitet hatte. Nach ausführlichen Aufwärmübungen begannen die Proben. Lotta, unsere finnische Regisseurin, hatte schon im Vorfeld angekündigt, Änderungen vornehmen zu wollen, da die räumlichen Verhältnisse in der Deutschen Schule in Helsinki anders waren (es gab keine Aula, nur eine aufgebaute Bühne in der Sporthalle) und weniger Zeit zur Verfügung stand. Die erste Änderung sollte wegen der Unsicherheit, wie der Hitlergruß von den Zuschauern aufgefasst werden würde, die Streichung des Liedes „Der morgige Tag“ sein. Die intensive Beschäftigung mit diesem Thema in Schwerin hatte nun den Effekt, dass alle Schüler dieses Lied vehement verteidigten und die Angst verbreitende Szene nicht ändern wollten. Lotta gab nach. Die finnischen Zuschauer hatten bei keiner der beiden Aufführungen ein Problem und diese Szene spielte auch in den anschließenden Gesprächen keine Rolle.
Die in Schwerin gespielte Schlussszene war sowohl aus Sicht der Betreuer und der Regisseurin sehr pathetisch, zu pathetisch geworden: Während die Schüler das Lied „Your children are not your children“ von Kahlil Gibran sangen, zerrissen sie ihre Häftlingskleidung“ und verteilten sich im gesamten Zuschauerraum. Auch dies sollte in Helsinki gestrichen werden. Aber genau wie bei dem anderen Lied war die Identifikation mit der Szene so groß, dass im Endeffekt die gesamte Aufführung genauso wie in Schwerin aussah. Was wir Erwachsene am Ende als zu pathetisch angesehen hatten, war nach Aussagen der Schüler für sie wie eine Befreiung – mit dem Zerreißen befreiten sie sich von der Zeit, die sie darstellten. Es war für sie die Brücke zwischen dem Spiel und dem Zurückkommen in ihr Leben.
Im Oktober 2013 schließen wir das Projekt mit zwei Aufführungen in Wien ab.
Für alle beteiligten Schüler ist es etwas Besonderes, eine Drei-Länder-Aufführung mitzugestalten und an allen Heimatorten zu spielen. Erik schreibt dazu:
„Gut am Projekt war auch, dass wir viele neue Leute kennen gelernt haben. Es war eine gute Idee, Schüler aus Deutschland, Finnland und Österreich zusammen spielen zu lassen. Wir halten untereinander Kontakt und haben uns auch schon privat besucht.“ Dies bestätigt auch Kim: „Das Projekt war für alle Beteiligten eine Herausforderung, aber auch eine erfreulich positive Erfahrung. […] Zuzusehen und mitzuarbeiten, wie aus drei kleinen Teilen ein großes Ganzes wird und ein Leben auf der Bühne langsam Gestalt annimmt, war eine wunderschöne Erfahrung.“
Sicher ist es immer das Ziel eines Theaterstücks, den Zuschauer auf einem Erkenntnisweg zu begleiten. Wenn aber in einem Schultheaterprojekt auch die jugendlichen Darsteller bei sich einen Lernprozess ausmachen, ist das Ziel, auf der Bühne Geschichte nicht nur zu vermitteln, sondern auch zu lernen, erreicht. Georg fasst diesen Lernprozess in seinem Resümee so sinnreich zusammen, dass es hier das Schlusswort sein soll:
„Mein Verständnis dafür, wie ein Regime am Laufen gehalten wird und welche Bedeutung Gruppendynamik dabei spielt, ist für mich durch unser Projekt gestiegen. Die Botschaft unseres Stückes sollte eine abschreckende und abstoßende sein, aber auch eine hoffnungsfrohe. Ich glaube, dass wir diese Botschaft den Zuschauern vermitteln konnten. Ich denke, durch solche Projekte wird die Aufarbeitung und Verhinderung von Gewaltherrschaften erreicht und ich glaube, dass wir damit auch unseren Anteil am Friedensnobelpreis der EU haben.“