Irakerin aus Moskau lenkt Integration
100 Nationen in Schwerin: Reem Alabali-Radovan wurde in der Sowjetunion geboren und arbeitet jetzt in der Landesregierung
SCHWERIN Menschen aus rund 100 Nationen leben in Schwerin und Umgebung. Einige von ihnen sind bereits eine lange Zeit in Deutschland, andere erst wenige Wochen. Sie alle haben ihre Geschichte. Einige von ihnen stellen wir vor. Heute: Jiri Blažek aus Tschechien.
Im Mai 2015 kehrt Reem Alabali-Radovan an einen Ort ihrer Kindheit zurück, der eine Wende in ihrem Leben bedeutet hat: die Erstaufnahmeeinrichtung in Nostorf-Horst in Mecklenburg-Vorpommern. Ihre ersten Tage in Deutschland verbringt sie hier. Heute ist Reem Alabali-Radovan die Integrationsbeauftragte der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern mit Amtssitz in Schwerin.
Damals ist die kleine Reem gerade einmal sechs Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr aus Moskau nach Deutschland kommen. In Moskau studieren ihre Eltern Ingenieurswesen. „Mein Vater und meine Mutter haben Russisch miteinander gesprochen, damit sie im Studium klarkommen. Das war für mich normal. Im Kindergarten habe ich dann Lesen und Schreiben gelernt.“
In der Zeit des Studiums ändern sich die politischen Verhältnisse im Irak und in Russland. Eine Rückkehr in das Geburtsland der Eltern ist ausgeschlossen. Sie gehen nach Deutschland und werden als Flüchtlinge anerkannt. „In die erste Klasse kam ich in Waren an der Müritz“, erzählt Reem Alabali-Radovan. Ihre Eltern entscheiden, aus der dortigen Gemeinschaftsunterkunft nach Schwerin zu ziehen. „Mit uns kamen damals viele Iraker, Armenier, Spätaussiedler und jüdische Emigranten nach Deutschland. Wir hatten hier recht schnell einen internationalen Bekanntenkreis.“
Reem kommt in der Schule gut mit. Sie lernt Deutsch und auch Arabisch. Mit zehn Jahren entscheidet sie sich für das Gymnasium Fridericianum. Nach dem Abitur möchte sie Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt „Naher und mittlerer Osten“ an der Freien Universität Berlin studieren. „Ich wollte an die FU wegen der Geschichte der Universität“, erinnert sie sich. Die FU beruft sich in ihren Grundwerten bis heute auf ihre Gründungsziele, die in ihrem Wahlspruch „Veritas – Iustitia – Libertas“, also Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit, ausgedrückt werden.
Ihre Bachelorarbeit schreibt sie 2013 über den syrischen Bürgerkrieg. „Man konnte schon damals ahnen, dass dieser Krieg schwerwiegende Folgen haben würde“, erklärt sie. Von 2012 bis 2014 ist Alabali-Radovan wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Orient-Institut und Länderreferentin beim Nah- und Mittelost-Verein in Berlin. „Wir haben dort unter anderem Delegationen in die Region vorbereitet und durchgeführt“, erzählt sie und erinnert sich auch an erste Reisen mit ihren Eltern in den Irak. „Ich habe meine türkisch- und arabischstämmigen Freunde immer beneidet, wenn sie in den Ferien dorthin zu ihren Omas fahren konnten. So etwas wie Heimat hatten wir im Irak nicht mehr. Erst konnten wir überhaupt nicht dorthin, dann fuhren wir an die Orte meiner Eltern. Aber auch da ist nichts Verbindendes mehr.“
2015 orientiert sich Reem Alabali-Radovan neu. Sie beginnt als Quereinsteigerin in der Erstaufnahmeeinrichtung Nostorf-Horst als Mitarbeiterin des Amtes für Migration und Flüchtlingsangelegenheiten. „Es war ein komisches Gefühl, wieder dorthin zu kommen. Ich habe mich öfter in den Kindern dort wiedergesehen“, sagt sie.
Alabali-Radovan ist gut drei Jahre in Nostorf-Horst und der Außenstelle Schwerin Stern Buchholz in verschiedenen Funktionen tätig. Als sie die Stellenausschreibung für die Leiterin des Büros der Landesintegrationsbeauftragten sieht, ist ihr sofort klar: „Das ist meine Stelle.“ Der direkte Bezug zur Politik reizt sie.
Seit Januar 2020 ist sie Landesintegrationsbeauftragte und hat in den vergangenen Monaten einiges auf den Weg gebracht. „Die interkulturelle Öffnung der Verwaltung ist ein Schwerpunkt“, sagt sie. Weitere aktuelle Themen sind die Stärkung von Migrantenorganisationen und die Unterstützung der Bildung von regionalen Migrantenbeiräten. Aus ihrer Sicht wichtige Akteure, wenn es um Vielfalt, Toleranz und Demokratie geht. Ein Dauerbrenner bleibt es, viele Menschen für die Idee einer offenen Gesellschaft zu gewinnen.
Wie es nach den Landtagswahlen 2021 beruflich für Reem Alabali-Radovan weitergeht, ist offen. Mit ihrem Master-Fernstudium an der TU Kaiserslautern zur „Nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit“ bereitet sie sich schon einmal vor. „Schön wäre es, wenn Vielfalt als Normalität in unserer Gesellschaft noch besser akzeptiert wird. Das ist mein größter Wunsch. Da würden sich viele Probleme von allein lösen.“
Von Claus Oellerking