9. September 2021

Jugendliche geben Politikern kräftig Kontra

Frischer Wind im Landtag: Spitzenkandidaten debattierten mit Schülern – und bekamen einiges zu hören Sebastian Lohse Das dürfte sich der ein oder andere Politiker einfacher vorgestellt haben. Bei der „Jugend debattiert“-Veranstaltung gestern Nachmittag im Schweriner Landtag stellten sich die Vertreter der Parteien Jugendlichen in einem Debattierduell. In je zwölf Minuten entstanden spannende Dispute zu Themen aus den Wahlprogrammen. Da musste sich Ministerpräsidentin Manuela Schwesig(SPD) auch mal ein „Fünf Jahre ist nichts passiert“ anhören. Die 17- und 18-Jährigen, die allesamt Landessieger von Jugend debattiert sind, waren sehr gut vorbereitet. Manch ein Politiker musste erst mal schlucken, nachdem er mit den Argumenten der Gegenseite konfrontiert wurde.

Duell 1: Wählen ab 16

Silvio Rackwitz aus Schwerin durfte gegen Manuela Schwesig ran. Dabei ging es um eines ihrer Lieblingsthemen: Wählen ab 16 Jahren. Was der junge Schweriner zunächst als „edles Ziel“ verstand, entpuppte sich für ihn aber schnell als Symbolpolitik. „Solange Jugendliche nicht über ihr eigenes Leben bestimmen dürfen, können sie auch nicht über die Gesellschaft entscheiden“, so sein Argument. Für ihn würden „Jugendliche zum Spielball der Politik gemacht“. Schwesig wolle sich aber weiter für ein jüngeres Wahlalter einsetzen. Das Resümee des 18-jährigen Schülers: „Sie hat ihre Position gut vertreten, aber einige Punkte gekonnt überspielt”

Duell 2: Kostenloser Bus

Nach Pultreinigung und Schildertausch betritt Martha Genzer vom Gymnasium am Tannenberg in Grevesmühlen die Bühne. Sie wirkt anfangs etwas schüchtern, lebt aber mit jedem ihrer Worte auf. Ihr Gegenüber: Torsten Koplin (Die Linke). Dem Vorschlag der Partei, den Öffentlichen Nahverkehr kostenfrei zu machen, erteilte sie eine Abfuhr. Sie selbst komme aus einem kleinen Dorf. „Da kommt am Wochenende kein einziger Bus.“ Da bringe es auch nichts, wenn er eigentlich kostenlos wäre. Für Koplin schlössen sich Modernisierung und Kostenfreiheit nicht aus. Für die Jugendliche bleibt das alles „unverhältnismäßig“. Am Ende gaben sich aber beide die Corona-Faust als Zeichen der Wertschätzung.

Duell 3: Grenzpolizei

Moritz Junge vom Musikgymnasium Käthe-Kollwitz Rostock trat gegen Jan-Phillip Tadsen (AfD) an. Es ging um die Einführung einer Grenz- und Rückführungspolizei. Der Standpunkt des Jugendlichen: „Das, was sie fordern, wird schon praktiziert.“ Oder es sei nur   verfassungswidrig umsetzbar. Obwohl das Thema oft emotional debattiert würde, sei es in diesem Fall sehr sachlich gewesen, so Moritz Junge.

Duell 4: Ganztagsschule

Michael Sack (CDU) brachte das Thema Ganztagsunterricht an eine berufliche Tätigkeit mit Gemeinwohlorientierung zu knüpfen mit. Das sah der 17-jährige Julian Fibig vom Christlichen Jugenddorf Rostock als „nicht besonders ausgereiftes“ Konzept an. Es fehle der Praxisbezug. Er empfand die Debatte dennoch sehr interessant und die Veranstaltung als eine gute Möglichkeit, sich zu informieren. Informieren konnten sich auch die Zuschauer im Livestream. Die zweieinhalbstündige Veranstaltung wurde parallel auf Facebook gestreamt.

Duell 5 und 6: Wirtschaft und Klima-Bildung

Auch die Spitzenkandidaten René Domke (FDP) und Anne Shepley (Die Grünen) stellten sich dem Duell. Miguel Leetz aus Waren-Müritz setzte sich mit dem FDP-Thema Wirtschaft als Unterrichtsfach auseinander, Tristan Wegner mit Klimabildung in der Schule. Dabei wurde die Stärke der Veranstaltung besonders deutlich. Aus seinem Schulalltag konnte Tristan Wegner versichern, dass Klimabildung bereits fächerübergreifend verankert sei. Außerdem sei der Ansatz fragwürdig. Schließlich sei nicht der Durchschnittsjugendliche in MV der Hauptverursacher des Klimawandels. Dennoch; „Sie hat ihre Sache gut gemacht“, fasst er die Leistung seines Gegenübers zusammen. Die Abstimmung Neben den Debattierenden waren im Plenarsaal auch Schüler des Schweriner Goethe-Gymnasiums anwesend. Sie konnten am Ende jeder Debatte abstimmen, ob sie sich eher auf der Prooder Kontra-Seite sehen. Außerdem wurden zahlreiche Fragen an die Politiker gestellt. „Ziel der Veranstaltung ist es, eine Entscheidungshilfe zu geben“, erklärt Ansgar Kemmann, Leiter von Jugend debattiert. Dabei gelte es, sich nicht blenden zu lassen und nachzufragen. „Manch gut klingende Forderung steht nicht mehr so leuchtend da, wenn man genauer hinschaut“, so Kemmann. Die sechs Jugendlichen haben das erfrischend deutlich gemacht.

Im ersten Duell trafen Manuela Schwesig (SPD) und Silvio Rackwitz vom Fridericianum Schwerin aufeinander.

Foto: dpa/Danny Gohlke Martha Genzer erklärte dem Linkspolitiker Torsten Koplin den öffentlichen Nahverkehr

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