25. Mai 2022

Kleiner Filmfan ganz groß

Oskar Holze aus Schwerin sitzt von Sonntag an in der Kinderjury des Filmfestivals Goldener Spatz

Richtig viel Popcorn, am besten zu jedem Film – das wäre ganz großes Kino, meint Oskar. Aber der Zehnjährige weiß auch, dass sein Magen das gar nicht durchhalten würde. Denn als Mitglied der Kino- und TVJury des Kinder Medien Festivals Goldener Spatz in Gera muss er sich in der kommenden Woche sage und schreibe 36 Filme anschauen.  Eingereicht worden waren sogar 183 Kino- und TVBeiträge für Kinder bis zwölf Jahre. Sie alle anzuschauen, würde knapp 75 Stunden dauern – nur ein Kreis von 15 Experten aus der Branche hat das tatsächlich getan und die aussichtsreichsten Bewerber für die fünf Wettbewerbskategorien – Langfilm, Kurzfilm, Serie/Reihe, Information/ Dokumentation/Dokumentarfilm und Unterhaltung – ausgewählt. „Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt!“  gehört ebenso dazu wie „Catweazle“, „Petterson und Findus: Die tote Elster“ oder der Fernsehbeitrag„Pia und die wilden Tiere:  Fuchswelpen in Not“ vom  Bayerischen Rundfunk.  Wer letztlich die Goldenen Spatzen, also die Hauptpreise des größten Festivals für deutschsprachige Kindermedien, bekommt, entscheiden zwei Kinderjurys –  eine fünfköpfige im Wettbewerb Digital, und eine aus 27 Mädchen und Jungen bestehende im Wettbewerb Kino/ TV. Zu dieser „großen“ Jury gehören neben Oskar Holze aus Schwerin auch Kinder aus der Schweiz, Südtirol, Österreich, dem Fürstentum Liechtenstein, aus Belgien, Dänemark und Luxemburg. Sie alle sind zwischen 9 und 13 Jahre alt, und sie alle lernen sich erst an diesem Freitag kennen.  „Ich bin schon so gespannt darauf, wie die anderen Kinder sein werden“, gesteht Oskar, der sie vorerst nur von Fotos auf der Festival-  Website kennt. „Bestimmt finde ich da neue Freunde.“  Zusammen mit seinem Papa wird er am Freitag im Zug nach Berlin fahren, von dort aus geht es für Oskar dann zusammen mit einer ehrenamtlichen Begleiterin und  einem anderen Jury-Kind  weiter nach Gera.  Der Papa gab den Anstoß zur Bewerbung Oskars Papa war es auch, von dem der Zehnjährige den Anstoß bekam, sich für  die Kinderjury zu bewerben.  Schon, als er vor Jahren zum ersten Mal etwas über diese  besondere Jury bei diesem  besonderen Festival gelesen  hätte, habe er sich vorgenommen,  seine Söhne dafür  zu begeistern, erzählt Jan  Holze. Und zumindest beim  ältesten seiner drei Jungs ist  Oskar Holze aus Schwerin sitzt von Sonntag an in der Kinderjury des Filmfestivals Goldener Spatz  ihm das schon einmal gelungen.  „Wir waren zusammen  im Zoo, als Papa mir vom  ,Goldenen Spatz“ erzählt  hat“, weiß Oskar noch ganz  genau – und er erinnert sich  auch daran, dass er zwar von  der Idee, zu einer richtigen  Filmfest-Jury zu gehören, total  begeistert war, aber auch  dachte, dass er beim Auswahlverfahren  bestimmt  keine Chance haben würde.  Trotzdem hat er dann eine  Bewerbung fertig gemacht –  „ganz allein“, stellt Oskar  klar. Und das sei nicht ohne  gewesen. Denn gefordert  war auch eine selbst geschriebene  Film- oder Medienkritik.  „Und sowas hab  ich vorher ja noch nie gemacht“,  gesteht Oskar. Dennoch  hat er es offenkundig  gut gemacht – und es war  auch nicht falsch, dass er Papas  Rat nicht gefolgt ist: „Er  meinte nämlich, ich sollte  mir nicht so einen normalen  Film wie ,Das doppelte Lottchen“  für meine Filmkritik  aussuchen, sondern lieber  etwas Besonderes“, erzählt  der Zehnjährige. Aber „Das  doppelte Lottchen“ hätte  ihm nun mal gefallen, deshalb  sei es auch verhältnismäßig  einfach gewesen, dazu  eine Kritik zu schreiben.  Außer Oskar hat sich übrigens  kein anderes Kind mit  diesem Film beschäftigt,  weiß Katharina Trautmann,  die als Projektleiterin für die  Kinderjury verantwortlichist. 738 Bewerbungen hätte  es für die Film-Jury gegeben,  263 von Jungen. Die meisten  Kinder, die mitmachen wollten,  kamen aus Nordrhein-  Westfalen – 105 kleine Filmfans  aus NRW hatten Unterlagen  eingereicht. Aus Mecklenburg-  Vorpommern gab es  neben Oskars noch 14 weitere  Bewerbungen, erklärt Katharina  Trautmann, „und  das ist schon eine gute Zahl“.  Gewöhnlich seien es nur um  die zehn Mädchen und Jungen  aus dem Nordosten, die  sich für einen Platz in den  Jurys interessierten.Als größtes Festival für  deutschsprachige Kindermedien  erlebt das Deutsche Kinder  Medien Festival Goldener  Spatz in diesem Jahr vom 29.  Mai bis zum 4. Juni seine 30.  Auflage. Die Geschichte des  Festivals reicht aber zurück bis  in die DDR: Von 1979 bis 1989  präsentierte das nationale Festival  Goldener Spatz für Kinderfilme  der DDR in Kino und  Fernsehen im zweijährlichen  Rhythmus Film- wie Fernsehbeiträge  und wandte sich an  das breite Publikum und Fachleute  gleichermaßen. Mit der  Wiedervereinigung kam die  Frage um die Weiterführung  auf. Die Einzigartigkeit des Festivals,  sich gleichermaßen an  das junge Publikum wie Fachleute  zu wenden, sorgte dafür,  dass sich viele Menschen für  den Erhalt des Formats  einsetzten.  Um dem Festival  eine solide und  langfristige  Perspektive  zu  geben,  wurde 1993  die Deutsche  Kindermedienstiftung  Goldener  Spatz ins Leben gerufen. Sie ist  seitdem Trägerin des Deutschen  Kindermedienfestivals.  2003 kam zum Standort Gera  der Austragungsort Erfurt dazu,  seit 2008 wird das Festival  jährlich in beiden Städten veranstaltet.Extra eine Schulbefreiung  beantragt  Womöglich hat das auch damit  zu tun, dass das Festival  in der Schulzeit stattfindet.  Oskar jedenfalls musste in  der Schweriner Friedensschule,  wo er in die vierte  Klasse geht,  extra eine  Schulbefreiung  beantragen.  Letztlich  war das  kein Problem,  erzählt er – sowohl  die Direktorin als  auch seine Klassenlehrerin  hätten sich riesig für ihn gefreut.  Oskar ist allerdings  auch ein guter Schüler,  schon in der ersten Klasse  war er Lesekönig, in diesem  Jahr hat er den dritten Platz  bei der Landesmathematikolympiade  der vierten Klassen  belegt. „Mama sorgt immer  dafür, dass ich meinen  Kopf anstrenge“, erzählt der  Zehnjährige, der wegen seiner  besonderen Leistungen  schon nach der vierten Klasse  aufs Gymnasium Fridericianum  wechseln wird.  Trotzdem ist er kein Bücherwurm  oder Streber. Oskar  ist so viel es geht  draußen – und er spielt im  Verein Hockey. Das macht  ihm so viel Spaß, dass er,  wenn man ihn nach seinem  Berufswunsch fragt, Profi-  Hockeyspieler sagt. Oder Pilot  – da ist er sich noch nicht  sicher. Denn zu reisen liebt  Oskar auch. Sogar in Australien  war er schon. Meist sei  die Familie allerdings mit  dem Zug unterwegs, erzählt  er. Dass alle Jury-Kinder für  die An- und Abreise eine Junior-  Bahncard bekommen  haben, hat ihn deshalb besonders  gefreut.  Musik und Filme haben in  seinem Leben auch einen  festen Platz, aber nicht so  einen großen, wie man es  sich bei einem angehenden  Jury-Mitglied vorstellt. Die  Eltern achteten darauf, dass  die Fernsehzeiten nicht aus  dem Ruder laufen, erzählt  Oskar – „aber sie sind auch  öfter mal nicht da…“ Survival-  und Actionfilme sind  seine Favoriten, er mag aber  auch Zeichentrickfilme und  „Harry-Potter“.  Ins Kino bisher nur  alle paar Monate  Besonders auf seine Aufgabe  in der Jury vorbereitet hat  sich Oskar nicht. „Ich lebe  ganz normal weiter, seit ich  weiß, dass ich ausgewählt  worden bin“, meint er, „aber  ich freue mich total“ . Kinobesuche  sind für ihn bisher  übrigens eher eine Ausnahme  gewesen, „höchstens alle  zwei, drei Monate mal gehen  wir ins Kino“, erzählt er und  findet das auch gar nicht  schlimm: „Wenn man etwas  nicht so oft macht, kann man  sich auch viel mehr aufs  nächste Mal freuen.“  In Gera wird er in der  nächsten Woche mehr Kinofilme  schauen als im ganzen  bisherigen Leben: „Es geht  um 9 Uhr im Kino los, dann  schauen die Kinder zwei  Filmblöcke, dann gibt“s eine  Mittagspause und eine Juryberatung  und dann noch ein  oder zwei Blöcke“, verrät  Katharina Trautmann, die  gesteht: „Der Tagesablauf ist  sehr straff.“ Dennoch hätten  die Jurykinder auch Freizeit,  ein Schwimmbadbesuch stehe  an, ein Grillabend, und  am 3. Juni fahren alle gemeinsam  zur großen Preisverleihung  nach Erfurt.  Ein Wunsch wird für Oskar  allerdings nicht in Erfüllung  gehen: „Das Kino, wo  wir seit Corona sind, ist leider  popcornfrei“, erklärt die  Kinderjury-Chefin. Bestimmt  tut das dem „großen  Kino“ aber keinen Abbruch.

Mit Popcorn im heimischen Filmpalast Capitol: Oskar Holze aus Schwerin gehört in der kommenden Woche zu den Jury-Kindern beim
Kinder Medien Festival Goldener Spatz.
Foto: Volker Bohlmann

Die Kommentare sind geschlossen.

zurück