Kleiner Filmfan ganz groß
Oskar Holze aus Schwerin sitzt von Sonntag an in der Kinderjury des Filmfestivals Goldener Spatz
Richtig viel Popcorn, am besten zu jedem Film – das wäre ganz großes Kino, meint Oskar. Aber der Zehnjährige weiß auch, dass sein Magen das gar nicht durchhalten würde. Denn als Mitglied der Kino- und TVJury des Kinder Medien Festivals Goldener Spatz in Gera muss er sich in der kommenden Woche sage und schreibe 36 Filme anschauen. Eingereicht worden waren sogar 183 Kino- und TVBeiträge für Kinder bis zwölf Jahre. Sie alle anzuschauen, würde knapp 75 Stunden dauern – nur ein Kreis von 15 Experten aus der Branche hat das tatsächlich getan und die aussichtsreichsten Bewerber für die fünf Wettbewerbskategorien – Langfilm, Kurzfilm, Serie/Reihe, Information/ Dokumentation/Dokumentarfilm und Unterhaltung – ausgewählt. „Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt!“ gehört ebenso dazu wie „Catweazle“, „Petterson und Findus: Die tote Elster“ oder der Fernsehbeitrag„Pia und die wilden Tiere: Fuchswelpen in Not“ vom Bayerischen Rundfunk. Wer letztlich die Goldenen Spatzen, also die Hauptpreise des größten Festivals für deutschsprachige Kindermedien, bekommt, entscheiden zwei Kinderjurys – eine fünfköpfige im Wettbewerb Digital, und eine aus 27 Mädchen und Jungen bestehende im Wettbewerb Kino/ TV. Zu dieser „großen“ Jury gehören neben Oskar Holze aus Schwerin auch Kinder aus der Schweiz, Südtirol, Österreich, dem Fürstentum Liechtenstein, aus Belgien, Dänemark und Luxemburg. Sie alle sind zwischen 9 und 13 Jahre alt, und sie alle lernen sich erst an diesem Freitag kennen. „Ich bin schon so gespannt darauf, wie die anderen Kinder sein werden“, gesteht Oskar, der sie vorerst nur von Fotos auf der Festival- Website kennt. „Bestimmt finde ich da neue Freunde.“ Zusammen mit seinem Papa wird er am Freitag im Zug nach Berlin fahren, von dort aus geht es für Oskar dann zusammen mit einer ehrenamtlichen Begleiterin und einem anderen Jury-Kind weiter nach Gera. Der Papa gab den Anstoß zur Bewerbung Oskars Papa war es auch, von dem der Zehnjährige den Anstoß bekam, sich für die Kinderjury zu bewerben. Schon, als er vor Jahren zum ersten Mal etwas über diese besondere Jury bei diesem besonderen Festival gelesen hätte, habe er sich vorgenommen, seine Söhne dafür zu begeistern, erzählt Jan Holze. Und zumindest beim ältesten seiner drei Jungs ist Oskar Holze aus Schwerin sitzt von Sonntag an in der Kinderjury des Filmfestivals Goldener Spatz ihm das schon einmal gelungen. „Wir waren zusammen im Zoo, als Papa mir vom ,Goldenen Spatz“ erzählt hat“, weiß Oskar noch ganz genau – und er erinnert sich auch daran, dass er zwar von der Idee, zu einer richtigen Filmfest-Jury zu gehören, total begeistert war, aber auch dachte, dass er beim Auswahlverfahren bestimmt keine Chance haben würde. Trotzdem hat er dann eine Bewerbung fertig gemacht – „ganz allein“, stellt Oskar klar. Und das sei nicht ohne gewesen. Denn gefordert war auch eine selbst geschriebene Film- oder Medienkritik. „Und sowas hab ich vorher ja noch nie gemacht“, gesteht Oskar. Dennoch hat er es offenkundig gut gemacht – und es war auch nicht falsch, dass er Papas Rat nicht gefolgt ist: „Er meinte nämlich, ich sollte mir nicht so einen normalen Film wie ,Das doppelte Lottchen“ für meine Filmkritik aussuchen, sondern lieber etwas Besonderes“, erzählt der Zehnjährige. Aber „Das doppelte Lottchen“ hätte ihm nun mal gefallen, deshalb sei es auch verhältnismäßig einfach gewesen, dazu eine Kritik zu schreiben. Außer Oskar hat sich übrigens kein anderes Kind mit diesem Film beschäftigt, weiß Katharina Trautmann, die als Projektleiterin für die Kinderjury verantwortlichist. 738 Bewerbungen hätte es für die Film-Jury gegeben, 263 von Jungen. Die meisten Kinder, die mitmachen wollten, kamen aus Nordrhein- Westfalen – 105 kleine Filmfans aus NRW hatten Unterlagen eingereicht. Aus Mecklenburg- Vorpommern gab es neben Oskars noch 14 weitere Bewerbungen, erklärt Katharina Trautmann, „und das ist schon eine gute Zahl“. Gewöhnlich seien es nur um die zehn Mädchen und Jungen aus dem Nordosten, die sich für einen Platz in den Jurys interessierten.Als größtes Festival für deutschsprachige Kindermedien erlebt das Deutsche Kinder Medien Festival Goldener Spatz in diesem Jahr vom 29. Mai bis zum 4. Juni seine 30. Auflage. Die Geschichte des Festivals reicht aber zurück bis in die DDR: Von 1979 bis 1989 präsentierte das nationale Festival Goldener Spatz für Kinderfilme der DDR in Kino und Fernsehen im zweijährlichen Rhythmus Film- wie Fernsehbeiträge und wandte sich an das breite Publikum und Fachleute gleichermaßen. Mit der Wiedervereinigung kam die Frage um die Weiterführung auf. Die Einzigartigkeit des Festivals, sich gleichermaßen an das junge Publikum wie Fachleute zu wenden, sorgte dafür, dass sich viele Menschen für den Erhalt des Formats einsetzten. Um dem Festival eine solide und langfristige Perspektive zu geben, wurde 1993 die Deutsche Kindermedienstiftung Goldener Spatz ins Leben gerufen. Sie ist seitdem Trägerin des Deutschen Kindermedienfestivals. 2003 kam zum Standort Gera der Austragungsort Erfurt dazu, seit 2008 wird das Festival jährlich in beiden Städten veranstaltet.Extra eine Schulbefreiung beantragt Womöglich hat das auch damit zu tun, dass das Festival in der Schulzeit stattfindet. Oskar jedenfalls musste in der Schweriner Friedensschule, wo er in die vierte Klasse geht, extra eine Schulbefreiung beantragen. Letztlich war das kein Problem, erzählt er – sowohl die Direktorin als auch seine Klassenlehrerin hätten sich riesig für ihn gefreut. Oskar ist allerdings auch ein guter Schüler, schon in der ersten Klasse war er Lesekönig, in diesem Jahr hat er den dritten Platz bei der Landesmathematikolympiade der vierten Klassen belegt. „Mama sorgt immer dafür, dass ich meinen Kopf anstrenge“, erzählt der Zehnjährige, der wegen seiner besonderen Leistungen schon nach der vierten Klasse aufs Gymnasium Fridericianum wechseln wird. Trotzdem ist er kein Bücherwurm oder Streber. Oskar ist so viel es geht draußen – und er spielt im Verein Hockey. Das macht ihm so viel Spaß, dass er, wenn man ihn nach seinem Berufswunsch fragt, Profi- Hockeyspieler sagt. Oder Pilot – da ist er sich noch nicht sicher. Denn zu reisen liebt Oskar auch. Sogar in Australien war er schon. Meist sei die Familie allerdings mit dem Zug unterwegs, erzählt er. Dass alle Jury-Kinder für die An- und Abreise eine Junior- Bahncard bekommen haben, hat ihn deshalb besonders gefreut. Musik und Filme haben in seinem Leben auch einen festen Platz, aber nicht so einen großen, wie man es sich bei einem angehenden Jury-Mitglied vorstellt. Die Eltern achteten darauf, dass die Fernsehzeiten nicht aus dem Ruder laufen, erzählt Oskar – „aber sie sind auch öfter mal nicht da…“ Survival- und Actionfilme sind seine Favoriten, er mag aber auch Zeichentrickfilme und „Harry-Potter“. Ins Kino bisher nur alle paar Monate Besonders auf seine Aufgabe in der Jury vorbereitet hat sich Oskar nicht. „Ich lebe ganz normal weiter, seit ich weiß, dass ich ausgewählt worden bin“, meint er, „aber ich freue mich total“ . Kinobesuche sind für ihn bisher übrigens eher eine Ausnahme gewesen, „höchstens alle zwei, drei Monate mal gehen wir ins Kino“, erzählt er und findet das auch gar nicht schlimm: „Wenn man etwas nicht so oft macht, kann man sich auch viel mehr aufs nächste Mal freuen.“ In Gera wird er in der nächsten Woche mehr Kinofilme schauen als im ganzen bisherigen Leben: „Es geht um 9 Uhr im Kino los, dann schauen die Kinder zwei Filmblöcke, dann gibt“s eine Mittagspause und eine Juryberatung und dann noch ein oder zwei Blöcke“, verrät Katharina Trautmann, die gesteht: „Der Tagesablauf ist sehr straff.“ Dennoch hätten die Jurykinder auch Freizeit, ein Schwimmbadbesuch stehe an, ein Grillabend, und am 3. Juni fahren alle gemeinsam zur großen Preisverleihung nach Erfurt. Ein Wunsch wird für Oskar allerdings nicht in Erfüllung gehen: „Das Kino, wo wir seit Corona sind, ist leider popcornfrei“, erklärt die Kinderjury-Chefin. Bestimmt tut das dem „großen Kino“ aber keinen Abbruch.

Mit Popcorn im heimischen Filmpalast Capitol: Oskar Holze aus Schwerin gehört in der kommenden Woche zu den Jury-Kindern beim
Kinder Medien Festival Goldener Spatz.
Foto: Volker Bohlmann