Nahost-Experte gibt Schulstunde
Christian Koepke 28.01.2016
SCHWERIN Im Syrien-Konflikt gäbe es keine einfachen Lösungen, sagte Christoph Bräutigam. Zu viele unterschiedliche Interessen spielten vor Ort eine Rolle, zu viele unterschiedliche Akteure mischten mit. Bräutigam, Nahost-Experte aus Berlin, sprach gestern auf Einladung der Europäischen Akademie Mecklenburg-Vorpommern vor rund 120 Elfklässlern im Fridericianum über die Lage in der Krisenregion. Syrien sei zum Schauplatz gleich von mehreren Stellvertreter- Kriegen um Einfluss in der Region geworden, schilderte Bräutigam. Europa müsse deshalb auch noch in den kommenden Jahren auf Flüchtlingsströme gefasst sein. „Wir brauchen für diese Menschen eine europäische Regelung“, betonte Bräutigam. Einseitig Obergrenzen bei der Zahl der Flüchtlinge festzulegen oder Grenzbefestigungen auszubauen, sei der falsche Weg, so der Experte. „Je höher der Zaun, desto höher die Leiter.“ Wer Flüchtlinge abweise, treibe sie in die Illegalität, warnte Bräutigam. Benötigt werde ein gerechter Verteilungsschlüssel. Die Europäische Union als Ganzes habe in der Flüchtlingsfrage bislang versagt, kritisierte der Experte. Demgegenüber sei Deutschland mit gutem Beispiel vorangegangen, habe 1,1 Millionen Menschen aufgenommen. Die Zuwanderer zu integrieren sei notwendig – und auch zu leisten, erklärte Bräutigam. So sei die Wirtschaftskraft der Bundesrepublik 80-mal so groß wie die von Jordanien, wo auch 600 000 Flüchtlinge lebten. Die Schüler verfolgten die Ausführungen Bräutigams sehr aufmerksam. Es blieb auch noch Zeit für eine kurze Diskussion, in der es unter anderem um die Interessen der Türkei und die künftige Rolle des syrischen Präsidenten Assad ging. „Es ist wichtig, die unterschiedlichen Aspekte des Syrien-Konflikts zu beleuchten“, sagte die 16- jährige Nawal aus der Klasse 11e, die familiäre Wurzeln im Libanon hat. „Mit dem Vortrag wollten wir unseren Schülern die Möglichkeit geben, sich bei einem Spezialisten aus erster Hand über die Lage im Nahen Osten zu informieren“, erläuterte Schulleiterin Cordula Scheibel. „Das Thema Syrien und Flüchtlinge wird im Unterricht ausführlich behandelt“, betonte Sozialkunde- Lehrerin Annette Uffmann. Und auch der Vortrag von Christoph Bräutigam werde gewiss noch nachbereitet. Heute wird der Berliner Nahost-Experte im Goethe- Gymnasium sprechen, wie der Leiter der Europäischen Akademie MV, Jörn Mothes, ankündigte. Christian Koepke

Vortragsveranstaltung in der Aula: Jörn Mothes von der Europäischen Akademie MV und Sozialkunde-
Lehrerin Annette Uffmann begrüßen Referent Christoph Bräutigam (v.l.). FOTO: KLAWITTER