Schweriner Schüler waren ihre Retter in der Not
Isolde Lütge stürzte und verletzte sich schwer, Annika und Vincent halfen ihr
Es war der 7. November kurz vor 18 Uhr, als es passierte.An diesen Abend wird sich Familie Lütge wohl noch lange erinnern.Eigentlich wollte Isolde Lütge mit ihrem Enkel Hennes nur von Plate nach Schwerin fahren und in der Landeshauptstadt einen schönen Abend bei einer Theateraufführung verbringen. Doch dazu sollte es nicht kommen. Die beiden waren gerade aus der Bahn in Schwerin Mitte ausgestiegen, die Treppen hinaufgegangen und dann trat Isolde Lütge plötzlich ins Nichts. Sie übersah eine große Stufe und stürzte. Sie schlug auf der Brücke mit dem Gesicht auf dem Asphalt auf. Dann ging alles ganz schnell, mehrere Passanten sahen die hilflose Frau, versuchten zu helfen, wussten aber nicht wie. Isolde Lütge lag am Boden, blutete stark am Kopf – sie wurde bewusstlos. Für den 13-jährigen Enkel Hennes war das ein großer Schock. Er zückte sofort das Telefon: „Mama, Mama Oma ist hingefallen und blutet ganz doll“, erinnert sich Mutter Karen Lütge an die Worte ihres Sohnes. „Ich bin sofort hingefahren“, sagt Karen Lütge. Sie weiß noch genau, dass Jacke, Stirnband und Schal voller Blut waren. „Es war schrecklich.“ Sie selbst ist Polizistin und hat schon vieles gesehen. „Aber wenn man selbst betroffen ist, ist man so hilflos.“ Als sich die Familie, die gerade erst ins Schweriner Umland gezogen war, in der Schrecksituation hilflos fühlte, bekam sie große Hilfe von zwei mutigen Schülern – Annika Büchner und Vincent Spelling, die gerade Schulschluss am Fridericianum hatten und auf dem Weg zum Zug nach Hause waren, als sie Isolde Lütge am Boden liegen sahen. Sofort wussten die beiden Neuntklässler, was zu tun ist. Sie überlegten nicht lange, ließen ihren Zug vorbeiziehen und brachten die Frau in die stabile Seitenlage, versorgten sie, kümmerten sich um ihre Wunden. Zudem beruhigten sie die Familienmitglieder, die wie gelähmt dastanden. „Mehr war es gar nicht, was wir taten“, sagt Vincent bescheiden. Für Familie Lütge war es allerdings eine sehr große Tat. In der Notsituation blieben Annika und Vincent ganz ruhig und handelten bedacht, weil sie geübte Ersthelfer sind. Das Deutsche Rote Kreuz bildet in freiwilligen AGs sogenannte Schulsanitäter aus, die in einem Ernstfall an der Schule, aber auch im Alltag Erste Hilfe leisten können. Annika und Vincent gehören zu einem großen Team von Schulsanitätern am Fridericianum in Schwerin, die jedes Jahr beim Schulsanitätswettbewerb des DRK mitmachen. „Wir sind sicher, dass jeder andere vom Team genauso gehandelt hätte wie wir“, sagt Helferin Annika. Auch DRK-Ehrenamtskoordinatorin Karin Hoffmann ist stolz auf die beiden Schüler. „Ich wünsche mir die Schüler um mich herum, sollte ich einmal in so einer Lage sein“, sagt sie. Obwohl es für die beiden selbstverständlich war zu helfen, bekamen sie Dankesworte und Geschenke von Familie Lütge, dem DRK und von Bildungsministerin Simone Oldenburg (Die Linke) für ihren Einsatz. Unter Tränen sagt Isolde Lütge: „Ich bin so dankbar. Gut, dass ihr da wart.“ Ihr Mann Andreas Lütge ergänzt: „Danke, dass ihr meine Frau und meine Familie unterstützt und getröstet habt.“ Simone Oldenburg lobt das vorbildliche Verhalten und spricht von einer besonderen Situation, in der nicht die Eltern und Großeltern helfen und trösten, sondern die Kinder die Erwachsenen. Der Tag bleibt also nicht nur in schlechter, sondern auch in guter Erinnerung – dank der Zivilcourage von Annika und Vincent.
von Marlena Petersen