Seite aus dem von Sally Rosenbaum herausgegebenen Stickbuch: Das Erinnerungsstück blieb nach der Flucht der Familie in Schwerin. FOTO: Seiffert
23. April 2021

Stickbuch erinnert an jüdische Familie

Sally Rosenbaum erlangte 1869 das Schweriner Bürgerrecht, sein Sohn Otto Rosenbaum wurde 1943 im KZ Sobibor ermordet

Es ist ein kleiner Schatz, der im vergangenen Jahr in einem privaten Nachlass entdeckt wurde und der den Blick auf eine jüdische Familiengeschichte lenkt: das querformatige Handbuch „ALPHABETE für die Stickerin“, das um 1900 im Verlag von Th. de Dillmont erschien. Der Herausgeber dieser Kostbarkeit präsentierte sich selbstbewusst schon auf dem Cover des Festeinbandes: „S. Rosenbaum, 12. Schlossstrasse (gegenüber der Königstrasse), SCHWERIN i.M.“

Dabei handelt es sich um den am 18. Dezember 1842 in Sternberg geborenen jüdischen Geschäftsmann Sally Rosenbaum. In dem 2015 erschienenen Buch „Die jüdische Geschichte der Stadt Sternberg (Mecklenburg)“ von Jürgen Gramnitz und Sylvia Ulmer ist zu lesen, dass er seit 1869 Teilhaber der Schweriner Firma Ladoweg & Co. war, die mit Tuch- und Manufakturwaren handelte und dann in der Friedrichstraße 22a auch das Geschäft für Band und Garnzeug „Pincus u. Mayer Comptoir“ übernahm. Nach Erlangung des Schweriner Bürgerrechts am 25. Juni 1869 heiratete Rosenbaum am 7. Mai 1874 die Schwerinerin Blanka Borneheim.

Offenbar diente Rosenbaums bislang kaum bekanntes Stick-Handbuch auch seinen vielen Geschäftskreisen als Werbung für sein Unternehmen. Immerhin ist die Hamburger Erstausgabe mit 92 meist prächtig gestalteten Tafeln vorliegend für Buchstaben, Monogramme und Ziffern in unterschiedlichen Schriftarten, dazu Ornamente sowie „Muster mit Blumen Weiss-Stickerei“ und weitere Anwendungen.

Sally Rosenbaum starb am Mai 1900, am 31. Mai das Examen rigorosum.“

Kurz danach, am 14. Juli 1900, promovierte Otto Rosenbaum an der Kieler Christian-Albrechts-Universität zum Dr. med. und ließ sich – wie im Germanz/Umer-Archiv vermerkt – am 23. März 1903 in Schwerin in der Kaiser-Wilhelm-Straße 65 als Arzt nieder. Im Ersten Weltkrieg war er von August 1914 bis Dezember 1918 als Oberstabsarzt eingesetzt und später Mitglied des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten.

Trotz seiner großen Beliebtheit in der Bevölkerung wurde auch Dr. Rosenbaum nach 1933 Opfer von Boykott und antisemitischer Hetze. Am 27. März 1933 musste er sein Amt als Schularzt aufgeben. Ab 1935 praktizierte – seit 8. Oktober 1934 Vorsitzender der Israelitischen Gemeinde in Schwerin – nur unter seiner Privatadresse – Schlossstraße 12, bis er am 30. September 1938 endgültig seine Zulassung verlor.

Einziger Ausweg: die Emigration in die USA. Doch dieser Plan scheiterte. Zu gefährlich. Da Otto Rosenbaums Tochter Eva Stefanie 1937 aus der Reich mit der Flucht nach Holland. Dass bis heute in den Niederlanden Hand-Überlieferung ein Dankeschön für eine dabei erwiesene Hilfeleistung gewesen sein mag.

Nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutsche Wehrmacht kam es nach 1940 dort zu massiven Judenverfolgungen. 1943 wurden Otto und Stefanie Rosenbaum in das ostpolnische KZ Sobibor deportiert, wo sie am 16. Juli 1943 in einer Gaskammer ermordet wurden.

Was bleibt? Es ist mehr als die Erinnerung an ein beliebtes jüdisches Ehepaar und einen schrecklichen Tod. Es ist mehr als der Stolperstein in der heutigen Mecklenburgstraße 65. Otto Rosenbaums Forschungen für seine 22 Seiten starke Dissertation „Über Retinitis pigmentosa“ waren ein Meilenstein in der Medizingeschichte. Sie betrafen eine heute noch weltweit verbreitete erbliche Augenkrankheit. Dr. Rosenbaum untersuchte dafür aus dem Zeitraum vom 1. Januar 1899 bis zum 31. Dezember 1899 insgesamt 41 400 ambulante Fälle und wertete davon für sein spezielles Thema 64 aus.

Diese Arbeit war so bedeutsam, dass sie an der US-amerikanischen Harvard-Universität Otto Rosenbaum 108 Jahre nach dessen Promotion zitiert wurde.

Von Rolf Seiffert

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