22. Januar 2013

Theater spielen, um an den Holocaust zu erinnern

FELDSTADT „Die Judenverfolgung durch die Nazis und der Holocaust, das ist Teil unserer Geschichte“, sagt Kim Seyer aus der 9. Klasse des Fridericianums. „Wir interessieren uns dafür und wollen auch andere dafür interessieren, sie sozusagen aufrütteln“, erklärt die Schülerin. „Man ist jetzt immer an dem Thema dran, schaut mit anderen Augen auf deutsche Geschichte“, ergänzt Mitschüler Friedrich Pannwitz. Und Georg Marin fügt hinzu: „Es gibt sicher Leute, die sich mit so etwas nicht beschäftigen wollen oder können. Wir aber doch.“ Mit „wir“ meint er die Gruppe von Schülern aus drei neunten Klassen des Gymnasiums Fridericianum, die sich seit drei Jahren mit unterschiedlichen Aktivitäten an dem Projekt „Verfemte Musik“ des Konservatoriums und des Landesverbandes „Jeunesses musicales“ beteiligen. Aktuell steht ein Theaterstück auf der Agenda, das als länderübergreifendes Gemeinschaftsprojekt von Schülern des Fridericianums, eines Gymnasiums in Helsinki und einer Schule in Wien realisiert wird. Der Titel des Stücks „Esther leben“ hat eine doppelte Bedeutung: Esther, ein beliebter jüdischer Mädchenname, steht als Abkürzung für „Europäische Strategie zur Holocaust-Erinnerung“ und ist gleichzeitig der Vorname der Person, um die sich alles dreht: Esther Bauer. Das jüdische Mädchen aus Hamburg hatte während der Nazi-Diktatur zunächst Ausgrenzung und Isolation erleben müssen, war dann mit 18 Jahren nach Theresienstadt und schließlich ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden. Sie überlebte wie durch eine Wunder die KZ-Hölle. Nach ihrer Befreiung wanderte sie in die USA aus. Esther Bauer engagiert sich seit vielen Jahren dafür, dass der Holocaust nicht in Vergessenheit gerät. Zum Festival „Verfemte Musik“ war sie nach Schwerin gekommen und erzählte in verschiedenen Schulen von ihrem Schicksal. Geschichtslehrerin Christine Kindt vom Fridericianum, die seit sieben Jahren mit wechselnden Schülergruppen begleitende Projekte für das Festival „Verfemte Musik“ erarbeitet, nutzte die Chance und brachte gemeinsam mit der Regisseurin Katharina Waldmann, genannt Seidel, im vergangenen Jahr das internationale Schultheaterprojekt „Esther“ auf den Weg. Es gelang nicht nur, die Schüler zu interessieren, sondern sie tatsächlich zu begeistern. Elena Jadzewski, Lena Borchert, Ulrike Urbanek, Henriette Pfennigschmidt, Erik Littwin, Georg Marin, Friedrich Pannwitz, Trine Tautz, Lilly Parchmann, Maria Schwerk, Natalie Eggert, Philip Schott, Kim Seyer, Nora Sander, Anna Siewert, Knut Stegmann, Timo Preuß und Jannis Stöter aus den 9. Klassen des Fridericianums sind mit Feuer und Flamme dabei, wie sie alle übereinstimmend versichern. Gerade von einer gemeinsamen Aufführung in Helsinki zurückgekehrt, erzählen sie begeistert von dem Gastspiel. „Wir wollen mit unserem Stück nichts bagatellisieren, sondern möglichst authentisch sein, ein Gänsehaut-Gefühl schaffen“, betont Georg Marin. Das kam an bei den Zuschauern. „Alle Akteure haben sich mit dem Stück identifiziert, für ihre Inszenierung gekämpft und sehr ausdrucksstark gespielt“, lobt Volker Ahmels, Landesvorsitzender der Jugendmusikorganisation „Jeunesses musicales“. So sei es gelungen, ein fantastisches Feetback bei den Schülern des Akademischen Gymnasiums Helsinki zu erreichen, von dem in der Nazi- Zeit auch alle jüdischen Mädchen und Jungen – immerhin rund 40 Prozent der Schüler – verwiesen wurden. Es sei aber auch spürbar gewesen, dass in Finnland bei den Schülern kaum Wissen über den Holocaust vorhanden sei, berichtet Ahmels. „Deshalb haben wir uns über das große Interesse an der Schule sowie von Lehrern anderer Schulen gefreut.“ Als nächste Etappe folgt nun ein gemeinsamer Auftritt im Oktober in Wien. Bis dahin wird noch weiter geprobt, aber auch schon das Folgeprojekt vorbereitet. Für die Wien-Reise hoffen die Schüler noch auf finanzielle Unterstützung.

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