Unterwegs mit Bildungsministerin Simone Oldenburg (Die Linke): „Ich mache vieles selbst“
Dieser Artikel von Anja Levien erschien am 29.01.2026 in der Ostsee-Zeitung. Unser Schulleiter bezieht in diesem Artikel Stellung zur aktuellen Bildungspolitik.

Die Schulleiter in MV fühlen sich kontrolliert und Kita-Angestellte kritisieren das schlechte Fachkraft-Kind-Verhältnis in der Krippe. Wie MV-Bildungsministerin darauf reagiert. Ein Tag mit Simone Oldenburg
Neubrandenburg. Was Schule bremst: Kontroletti, Stellungnahmen, Bürokratielasten. So steht es auf Zetteln an der Tafel im Klassenzimmer im Sportgymnasium Neubrandenburg. Hier tagt die Vereinigung der Schulleitungen der Gymnasien und Schulen mit gymnasialer Oberstufe in MV. Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) ist gekommen, um sich die Themen der Direktoren anzuhören.
Es ist der siebte Termin an diesem Tag für die 56-Jährige. Schul- und Kita-Besuche, Konferenzen, Absprachen: Sie herrscht selbst über ihren Terminkalender. Antworten auf Elternbriefe, Presseanfragen oder Inhalte für Social Media werden ohne das Okay der Ministerin nicht verschickt oder veröffentlicht. „Ich mache vieles selbst“, sagt die gebürtige Wismarerin.
Simone Oldenburg will Bescheid wissen. Einmal pro Woche spricht sie mit allen Leitern der staatlichen Schulämter im Land. Themen sind Unterrichtsausfall, Klassenfahrten oder Schwimmunterricht.
An diesem Tag findet die digitale Konferenz im Klassenzimmer der Grundschule „Am Mühlenberg“ statt. An der Schule mit 276 Schülern hat sie sich zuvor über die Kleine Schulwerkstatt, eine Lerngruppe für Kinder mit emotionalen oder sozialen Problemen, die Probeschule für Kita-Kinder und das Familienklassenzimmer informiert. Sie fragt, hört zu, tauscht sich aus, erzählt dabei auch Anekdoten aus ihrem Leben, teilt ihre Erfahrungen als Lehrerin und Mutter eines Sohnes.
„Wir werden nur besser, wenn wir die Dinge angehen“, sagt Oldenburg. Die Runden mit den Schulämtern fordert sie ein, gibt sie auch nicht an Mitarbeiter ab. Ihr ist es wichtig, als Kontaktperson da zu sein. „Ich höre gerne vieles selbst aus erster Hand. Dann kann ich die Lage besser einschätzen.“
Intensive Kommunikation mit den Schulämtern
„Wir fühlen uns absolut gesehen und wahrgenommen“, sagt Silke Schrader, Leiterin des Staatlichen Schulamtes Rostock. „Die Intensität der Kommunikation fordert uns alle sehr, aber wir können alles ansprechen. Das habe ich so noch nicht erlebt.“ Seit dem 1. April 2016 leitet sie das Schulamt.
Beim Besuch der Kita „Pusteblume“ wird Simone Oldenburg auf das Fachkraft-Kind-Verhältnis in der Krippe von 1 zu 6 angesprochen, es sei zu hoch. Oldenburg stimmt zu. Das Verhältnis müsse dringend gesenkt werden. Aber: „Die Kosten kann nicht einer allein tragen. Wir müssen Wege der Finanzierung finden. Wenn Sie Ideen haben, dann nehmen wir sie gerne auf.“
Bei den Konferenzen im Auto auf dem Weg nach Neubrandenburg geht es um Resilienzförderung für Kinder und Jugendliche und um die nächste Bildungsministerkonferenz. Ob in persönlichen oder digitalen Gesprächen an diesem Tag: Oldenburg kennt sich aus, erläutert fachgerecht, weist an.

Bildungsministerin Simone Oldenburg (Mitte) besucht die Kita „Pusteblume“ in Kröpelin.
Quelle: Anja Levien
„Als Ministerin musst du über das Bescheid wissen, was du verantwortest“, sagt Oldenburg. Seit 2021 leitet sie das Bildungsministerium. Ihren gelernten Beruf – zuletzt war sie Schulleiterin an der Regionalen Schule in Klütz – übt sie seit 2011 nicht mehr aus. Damals wurde sie hauptberuflich Landtagsabgeordnete.
Schulleitungen wünschen sich mehr Vertrauen
Dass sie Ahnung hat, wird ihr von der Vereinigung der Schulleitungen der Gymnasien und Schulen mit gymnasialer Oberstufe in MV auch zugesprochen. „Sie steckt sehr im Thema, das nehmen wir wahr. Unsere Aufgabe ist es, unsere Themen anzusprechen“, sagt Dr. Uwe Dietsche, Vorstandsmitglied der Vereinigung.
„Wir haben das Gefühl, kontrolliert zu werden“, so Dietsche. Es gebe viele Nachfragen von Schulamt und Ministerium, zum Beispiel zu Elternbeschwerden oder zur Anwesenheit von Schülern bei Glatteis. Die Schulleitungen wünschen sich mehr Vertrauen.
„Was gehört alles zum Vertrauen?“, fragt die Bildungsministerin. „Ich finde es gut, wenn Eltern die Möglichkeit haben, sich zu beschweren und nachzufragen.“ Jede Beschwerde und Nachfrage werde in Zusammenarbeit mit der Schule und dem Schulamt beantwortet. In den vergangenen vier Jahren seien 4000 Beschwerden und Anregungen eingegangen. „Sehr häufig hatten die Eltern recht.“
Die Bildungsministerin ist nicht darauf aus, gute Stimmung zu verbreiten. Sie sagt, was ist, und fordert konkrete Vorschläge. Welche Ideen gibt es für Bürokratieabbau? Welche Konzepte belasten?
Die Stunde in Neubrandenburg ist schnell um. Immer wieder geht es um Vertrauen. Judith Ewald, Schulleiterin des Sportgymnasiums, hätte vonseiten des Ministeriums gerne mehr Gefühl für die Schulleiter. „Was soll ich damit anfangen?“, fragt Simone Oldenburg. Das brauche sie konkreter.
Probleme im Land: Lehrermangel, Unterrichtsausfall, Abbrecherquote
Kritik gehört zum Alltag der Ministerin. Sie braucht ein „hartes Fell“ und hat es auch. Lehrermangel, Unterrichtsausfall, Abbrecherquote – immer wieder wird von Opposition, Vertretungen und Gewerkschaften auf die Probleme aufmerksam gemacht. „Das ist das Leid eines jeden Ministers“, sagt sie. „Es ist noch viel zu tun. Schönreden hilft nicht, aber Schlechtreden auch nicht.“
Die drei wichtigsten Themen aus ihrer Sicht: das Fachkraft-Kind-Verhältnis in Kita und Hort, die Senkung der Unterrichtsverpflichtung und multiprofessionelle Teams an den Schulen.
Letzter Termin des Tages ist die Elternsprechstunde in Neubrandenburg. „Jeder Tag sieht wie dieser aus. Es bleibt nie Zeit übrig“, sagt Oldenburg, die auch Mitglied im Kreistag Nordwestmecklenburg und in der Gemeindevertretung Gägelow ist. Sie habe immer gerne und viel gearbeitet. „Im Vergleich ist das jetzt die umfassendste Arbeit.“