Vor der Schule noch aufs Surfbrett
AUS MV IN DIE WELT Die Schwerinerin Jule Rietz arbeitet auf Teneriffa als Lehrerin/ Daneben hat sie sich dem Wassersport und der Malerei verschrieben
Auswandern. Das Vertraute hinter sich lassen und bereit sein für ein neues Leben. Diesen Schritt machten im ersten Vierteljahr 2022 bereits 2689 Menschen aus Mecklenburg -Vorpommern, 2021 waren es insgesamt 10 302. Vor einigen Jahren zog es auch die Schwerinerin Jule Rietz (33) in die Ferne. „Lebkuchen? Klar, die gibt es hier, aber sie schmecken nicht richtig, allein schon wegen der Atmosphäre. Aber ein Glühwein, ein Glühwein geht immer!“, lacht Jule Rietz bei dem Gedanken an die Weihnachtszeit in Mecklenburg- Vorpommern. Gute fünf Stunden Flugzeit sind
es bis Teneriffa. Dort lebt Jule Rietz seit einigen Jahren in Playa Parasio, einem Ortsteil von Adeje an der Küste des Atlantischen Ozeans im Südwesten der Kanarischen Insel. „Playa Parasio! Der Name sagt doch schon alles, oder?“, meint Rietz und schaut aus dem Fenster über den Ort hinweg bis zum Meer. Fast täglich schnappt sie sich ihr Surfbrett und stürzt sich in die Wellen. Weit weg von Schwerin. Sie mag das Licht. „Wenn es im Frühjahr wieder heller wurde und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen durch die großen Fenster am Schweriner Fridericianum schienen, habe ich mich immer dicht an die Scheiben gesetzt“, erinnert sich Rietz, die sich bereits als Schülerin in den Ferien allein auf den Weg nach Tarifa an die andalusische Küste gemacht hat. Dort jobbt sie in der Hotellerie, reinigt Zimmer. „Mir war sehr schnell klar: hier gehöre ich hin. Das Leben fühlte sich leichter an. Und das Licht, Licht macht mich glücklich.“
Nach dem Abitur entscheidet sich Jule Rietz für das Studium „Hotel- und Tourismusmanagement“ am Baltic College Schwerin, der ersten staatlich anerkannten privaten Hochschule in MV. Praktika, auch im Ausland gehörten zur Ausbildung. Eine Agentur vermittelt ihr und einer Kommilitonin einen Praktikumsplatz in einem Hotel auf Teneriffa. „Mit Rucksack und Badeschlüpper sind wir los. Vom Flugzeug aus wirkte die Insel eher hässlich: karg, vulkanisch, trocken. Aber als wir da waren: tolle Natur, Schildkröten und Licht. Und wieder diese gewisse Leichtigkeit und Offenheit der Menschen. Ich war sofort verliebt in die Insel.“
Jule Rietz schließt das Studium zügig ab. „Meiner Mutter habe ich gesagt, wenn ich fertig bin, dann will ich da wieder hin. Eine Zeit lang und dann komme ich wieder. Dieses Mal hatte ich zwei Rucksäcke, einen vorne und einen hinten. Nur zurückgekommen bin ich nicht“, sagt Rietz. Ihre Mutter ermutigt und unterstützt sie. „Sie hat mir Flügel gegeben! – Doch später hat sie mir auch erzählt, sie habe, wenn ich dann weg war, schon mal ins Kissen geweint.“
Das war Ende 2010. Rietz findet bereits eine Woche nach der Ankunft eine Arbeit an der Rezeption eines Hotels. Für die frischgebackene Absolventin eine echte Herausforderung, denn ab jetzt ist der Alltag spanisch: die Kollegen, die Gäste, die Vordrucke, die Computerprogramme. Alles Spanisch. „Am Fridericianum hatte ich Spanischunterricht, aber die Sprache lernt man erst im Leben so richtig. Acht Monate, jeden Tag. Manchmal habe ich gedacht: ,Mach doch mal das Radio aus, ich kann kein Spanisch mehr hören.’ Und dann passierte es: Ich träumte auf Spanisch.
Danach ging es viel leichter“. Bereits im Praktikum trifft sie im Hotel auf ihren Kollegen Mariano Fernández Roldán. Er ist eigentlich Grundschullehrer, hat aber damals keinen Job an einer Schule gefunden. Als sich die zwei nun wieder treffen, funkt es zwischen ihnen. Seitdem sind sie ein Paar. Gemeinsam ist ihnen die Lust am Reisen. Sie kaufen sich ein altes Wohnmobil und reisen nach Norden.
Ein Jahr wollen sie 2013 unterwegs sein, fahren durch elf Länder und landen in Schwerin. Mariano Roldán unterrichtet am „Haus des Lernens“ und Jule Rietz arbeitet im Team des Stadtmarketings. „Wir wollten ausprobieren, ob es für die Zukunft doch vielleicht Mecklenburg und nicht Teneriffa ist“, meint sie. Und die Antwort ist eindeutig. Töchterchen Mar kommt in Schwerin zur Welt und bald darauf geht es zurück auf die Insel.
Geheiratet haben Mariano Roldán und Jule Rietz bei bestem Wetter am Strand. „Barfuß, im Kleid, mit einer Band, einigen Freunden und einem Bierchen in der Hand“, erinnert sie sich.
Mittlerweile arbeiten beide als Lehrkräfte. Seit dem Herbst geht auch die kleine Mar zur Schule. „Morgens bringe ich Mariano und Mar zur Schule. Dann habe ich etwas Zeit, fahre zum Strand und steige aufs Surfbrett, bevor ich dann auch in den Unterricht gehe. Mit ,Moin’ grüße ich meine Schüler und sie grüßen mit ,Moin’ zurück“, lacht Rietz. Beim Goethe- Institut hat sie nebenberuflich zwei Jahre lang eine Ausbildung als Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache gemacht.
Das Wellenreiten ist eine Leidenschaft, die Jule Rietz mit ihrer Familie teilt. „Eigentlich bin ich ein Schisser“, bekennt sie, „aber ich weiß auch, wenn ich den entscheidenden Schritt nicht mache, ändert sich auch nichts.“ Und so macht sie immer wieder Schritte ins Ungewisse und freut sich meist über das Ergebnis.
Auch als sie den Pinsel in die Hand nimmt und mit dem Malen beginnt, ist nicht klar, was daraus wird. Als „Surf Art nach Maltechnik Jule“, bezeichnet sie die Aquarelle, die den Atlantik aus der Vogelperspektive zeigen. „Die Bilder aus der Luft sind so etwas wie mein Markenzeichen. Von den Originalen mache ich jeweils zehn Prints, die ich unter dem Künstlernamen ,Grete Mus‘ auf Teneriffa in verschiedenen Geschäften und online verkaufe.“ Jüngst hat sie die Auszeichnung als „Künstlerin des Jahres“ erhalten.
Mit den Bildern verdient sie sich etwas extra. „Das Leben hier ist in den letzten Jahren deutlich teurer geworden. Die Gehälter der Lehrkräfte sind längst nicht so hoch wie in Deutschland. Aber wir kommen gut zurecht, sind hier glücklich und zufrieden“, so Rietz.
Sie sagt über sich selbst, sie lache und schnattere gerne. Manchmal fehlt ihr die mecklenburgische Stille. Aber zurück nach Mecklenburg möchte sie nicht. „Nicht, weil ich es dort nicht mag, sondern weil ich hier etwas anderes gefunden habe. So wie es jetzt ist, kann es gerne bleiben“, so Rietz. „Allerdings, wenn meine Mutti herkommen würde, das wäre schon toll. Sie schwankt immer mal und fragt sich: ,Soll ich oder soll ich nicht?’ Ich würde ja sagen, sie soll.“

Unterricht Nord-Deutsch mit Klasse 9