Felix Behnert steht auf dem Sportplatz hinter dem Fridericianum. Unter den Jugendlichen wird der Fuß- und Basketballplatz auch "Bolzer" genannt. Foto: Robin Twardy
23. Dezember 2022

Was man als Street-Worker erlebt

Schweriner Volkszeitung, 23.12.2022, Robin Twardy

Wo treffen sich Jugendliche in Schwerin? Wir haben den Sozialarbeiter Felix Behnert auf den Straßen begleitet

Montag, es regnet und es sind 4 Grad in Schwerin. Felix Behnert hat die Regenjacke zugezogen, die Kapuze auf dem Kopf und seine regenfeste Hose an. „Ich hole noch eine Tasche für die Flyer“, ruft der Sozialarbeiter im Flur des Street- Work-Büros der Wismarschen Straße. In der Hand hält er zwei Papierstapel von schwarz-weiß kopierten Veranstaltungsankündigungen. „Punk-Weihnacht“ steht auf dem einen, „Rave im Paulskirchenkeller“ auf dem anderen. Neben den Flyern sind in der Tasche Visitenkarten von Behnert und ein Erste-Hilfe- Set für den Notfall. Er ist bereit, durch die Stadt, zum Sportplatz des Fridericianums, auf den Weihnachtsmarkt und zum Pfaffenteich zu gehen. Dabei verteilt er Flyer für die beiden Partys und spricht mit Menschen zwischen 10 und 27 Jahren. Allerdings ahnt er schon: „Bei dem Wetter ist vermutlich nicht viel los.“

Schlafstelle von Obdachlosen brannte

Behnert läuft auf dem Weg zum Marienplatz an der Arsenalstraße vorbei. In der Nähe ist eine Bahnunterführung, in der es vor kurzem brannte. Der Rauch verbrannten Plastiks stand an dem Morgen noch stundenlang in der Unterführung. Die kalte Luft drückte ihn nach unten. Ich frage den Straßensozialarbeiter, ob er etwas über den Brand weiß. Tatsächlich: Die Sachen gehörten einem Obdachlosen. „Er gehörte schon nicht mehr zu unserer Klientel. Aber wir haben versucht, ihn zu unterstützen.“ Behnert und seine Kolleginnen brachten ihm Schlafsack, Essen und Klamotten. „Mit ihm zu reden, gestaltete sich schwer. Er sprach weder Deutsch, Englisch noch Französisch.“

Dolmetscher half bei der Kontaktaufnahme

Mit einem Dolmetscher konnten sie von dem Mann auf Arabisch ein paar Informationen erhalten. „So wie ich es verstanden habe, scheint der Mann kein Vertrauen in Institutionen zu haben. Er hat es wohl deshalb schwer, Unterstützung anzunehmen“, erinnert sich Behnert. Wo der Obdachlose nun ist, kann Behnert nicht sagen.

Hoher Piepton soll Jugendliche vertreiben

Die Unterführung liegt längst hinter uns. Felix Behnert steht in der Schweriner Goethestraße, im trockenen Unterstand vor einer Zahnarztpraxis. Junge Leute hätten sich früher hier versammelt und Musik gehört, erklärt Behnert. Heute sieht er hier keine mehr. „Irgendwann wurden hier Kameras und so ein Marderschreck für Jugendliche angebracht.“ Insgesamt vier Kameras ragen aus den Backsteinen vor der Arztpraxis heraus. Es ist unklar, ob sie aktuell noch aktiv oder nur noch Überbleibsel der Deutschen Bundesbank sind. Das „Marderschreck-Gerät“, das Behnert beschreibt, sei erst später am Tag zu hören. Es erzeugt einen hohen Piepton, der nur mit einem guten Gehör wahrnehmbar ist, wie es Jugendliche noch haben. Behnert kann nicht genau sagen, wo das Gerät verbaut ist. Das wohl bekannteste Modell eines solchen Ultraschallstörgeräuschsenders heißt „The Mosquito“. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat es 2007 als „nicht ganz unbedenklich“ eingestuft. Sie kam zu dem Ergebnis, dass eine gesundheitliche Schädigung des Hörvermögens nicht ganz ausgeschlossen werden kann. Behnert sagt: „Das wurde installiert, um die Jugendlichen von hier zu vertreiben.“ Es hat geklappt. Eine Zeit lang hat es vor der Praxis sogar Sicherheitspersonal gegeben. „Die gingen auch nicht gerade entspannt mit den jungen Leuten um.“ Damals hatte er mit dem Sicherheitspersonal gesprochen und den Eindruck gewonnen, dass es den Jugendlichen gegenüber nicht wohlgesonnen sei. Wer die Security damals geholt hat, weiß Felix Behnert allerdings nicht. Mittlerweile stehen die Sicherheitsleute dort nicht mehr. Zurückgekommen sind die jungen Leute aber auch nicht.

Öffentliche Plätze für Jugendliche knapp

Auch andere öffentliche Plätze, auf denen sich die Jugendlichen treffen können, sind laut Behnert in Schwerin knapp. Zudem gibt es zu wenig Kulturangebote für diese Zielgruppe, sagt er. Wenn er auf die Clubs in Schwerin blicke, gebe es neben „Zenit“ und „Freischütz“ wenig Alternativen. Für Jugendliche, die für herkömmliche Clubs zu jung sind, sind die Veranstaltungen im Paulskirchenkeller eine Alternative, sagt Behnert. Der Sozialarbeiter und seine Kollegin Manuela Schubert organisieren dort gemeinsam mit Ehrenamtlern regelmäßig Konzerte, Diskussionen oder andere Aktionen. Ein paar hundert Meter die Goethestraße bergab, am Marienplatz, spricht Behnert zwei junge Mädchen an. Er lädt sie zu den Partys ein. „Wir sind nicht von hier“, sagt das eine Mädchen. Absagen zu bekommen, gehört dazu, sagt Behnert. „Das ist normal. Und es ist auch wichtig, dass wir trotzdem weiter Leute ansprechen.“ So erzeugen er und seine Kolleginnen Kontaktpunkte. „Wir überspringen damit die erste Hürde, die bei den Jugendlichen vor dem ersten Kontakt zu uns Sozialarbeitern besteht.“

„Bolzer“ ist Treffpunkt der Jugendlichen

Behnert geht durch das Schlosspark-Centers und das Parkhaus zum Bolz- und Basketballplatz des Fridericianum, dar. „Wenn gutes Wetter ist, trifft man hier eigentlich immer Leute an.“ Der Platz zwischen dem lauten Parkhaus und dem Schulhof wird von den Jugendlichen „Bolzer“ genannt. Heute ist auf dem Platz niemand. „Entweder sind sie alle auf dem Weihnachtsmarkt oder hängen bei jemandem zu Hause ab.“ Zurück in der Stadt, auf dem Weihnachtsmarkt in der Mecklenburgstraße sind viele Menschen unterwegs. Behnert schaut sich um. Er spricht zwei junge Männer an. „Habt ihr Lust auf eine Rave-Party im Paulskirchenkeller?“ Einer der Jungs sagt, er hat Bock. Der andere stimmt nickend zu und sagt „Ja, geil!“. Sie lachen kurz. Behnert nimmt von jedem Stapel aus der Tasche zwei Zettel ab und gibt sie den Jugendlichen mit.

Zwei Bekannte helfen beim Flyer-Verteilen

Angekommen am Pfaffenteich trifft der Straßensozialarbeiter auf zwei Bekannte. Eine ist eine junge Frau, sie trägt schwarze Handschuhe, die nur bis zu den mittleren Knöcheln der Finger gehen und eine braune Lederjacke. Der andere hat eine North-Face- Jacke und eine Zigarette in der Hand. Sie ahmen den Gang von Behnert nach, alle drei lachen. „Kommt ihr zum Rave später?“, fragt Behnert die beiden. „Na klar!“, antwortet die Frau. Die beiden sind regelmäßig bei Veranstaltungen in dem Paulskirchenkeller dabei. „Habt ihr Ideen, wo ihr ein paar Flyer loswerden könnt?“, sagt Behnert. „Klar, gib her, irgendwo werden wir sie los“, sagt der junge Mann. Die drei verabschieden sich. Genauso möchte Behnert den Jugendlichen begegnen. Sie dürfen sich mal lustig machen, sollen aber bei Problemen keine Hemmungen haben, mit ihm oder seinen Kolleginnen darüber zu reden. Er macht sich auf den Weg zurück ins Street- Work-Büro, seine Tour ist für diesen Tag beendet.

Felix Behnert steht auf dem Sportplatz hinter dem Fridericianum. Unter den Jugendlichen wird der Fuß- und Basketballplatz auch “Bolzer” genannt.
Foto: Robin Twardy

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