Wie zwei Syrerinnen eine Apotheke mit am Laufen halten
SCHWERIN – „Wenn ich Notdienst hatte, dann war es meistens ruhig. Vielleicht fünf oder sechs Kunden kamen mit einem Rezept“, sagt Mayssa Fattoum. Sie ist Pharmazeutin, also Apothekerin. „Doch den Notdienst macht meistens mein Chef. Vielleicht ist da mehr los“, vermutet sie. Fattoums Kollegin, Baydaa Almohammad ist pharmazeutisch-technische Assistentin, kurz PTA. „Ich dürfte gar keinen Notdienst machen“, sagt sie und ergänzt: „Zu meinen Aufgaben als PTA in der Apotheke gehören die Bearbeitung ärztlicher Verschreibungen, die Beschaffung von Informationen sowie die Beratung von Patienten zur ordnungsgemäßen Anwendung und Aufbewahrung von Arzneimitteln und anderen Dingen, die wir hier anbieten.“ Mayssa Fattoum (49) und Baydaa Almohammad (29) stammen beide aus Syrien. Kennengelernt haben sie sich in Schwerin an ihrem Arbeitsplatz in der Regenbogen-Apotheke im Schweriner Stadtteil Mueßer Holz, in der das Team der Mitarbeiter fast so bunt ist wie der Regenbogen. „Ich war noch klein, da hat mich mein Vater in unserer Stadt Al Hasaka mit in eine Apotheke genommen. Von der Apothekerin erhielt ich damals ein kleines Geschenk. Das fand ich richtig schön. Seitdem hat mein Vater immer gesagt: Mayssa wir mal Apothekerin“, erinnert sich Mayssa Fattoum an die frühen 80er-Jahre. Ihr Vater sollte recht behalten. Nach ihrem Schulabschluss 1993 zog die junge Frau zum Studium nach Aleppo. Die Busfahrt dorthin dauerte gut fünf Stunden. „Meine ältere Schwester war schon dort. Auch sie studierte Pharmazie“. Ihr Vater sei sehr auf die Sicherheit seiner Töchter bedacht gewesen. Er hatte für sie eine Unterkunft in einem Kloster, das kleine Zimmer an die Studentinnen vermietete, organisiert. Gemeinsam wohnten sie dort mit 30 anderen junge Frauen. „Um 21 Uhr wurde das Tor abgschlossen, und wenn wir mal länger ausbleiben wollten, mussten wir das vorher anmelden“, sagt sie lächelnd. Das Studium und die Praktika dauerten fünf Jahre. „Meine erste Apotheke war klein. In Syrien genügten damals 50 Quadratmeter. Hier in Deutschland muss es mehr als doppelt so viel sein“, beschreibt Fattoum. Die Apotheke eröffnet sie 1999 am Stadtrand vom Salamiyya. In der Nachbarschaft gab es einige Arztpraxen. „Die Apotheke lief gut, ich konnte meinen Gründungskredit schnell zurückzahlen.“ Sie lernte damals ihren Mann Ammar, einen Bauingenieur, kennen. Die beiden heiraten, bekommen zwei Kinder und bauen sich ein Haus. Bereits 2005 eröffnete Fattoum eine neue, größere Apotheke im Stadtzentrum und beschäftigte dort zwei Angestellte. Der Familie sei es gut gegangen. Der Beginn des Bürgerkrieges in Syrien ändert dann alles. Auch in Salamiyya explodierten immer wieder Bomben, Menschen starben. „Als in der Nähe der Apotheke eine Bombe hochging und ich meinen Sohn nicht finden konnte, war mir klar, ich muss hier weg“, erinnert sie sich. „Ich war allein, Ammar arbeitete im Oman.“ Zum Glück fand sie ihren Sohn wieder. Zügig verkaufte sie die Arzneimittelvorräte der Apotheke und floh mit ihren Kindern 2014 aus dem Kriegsgebiet. Libanon, Türkei, Griechenland, Dänemark, Schweden und dann Rostock. „Da wusste ich, hier sind wir in Sicherheit. In der Unterkunft bin ich völlig erschöpft eingeschlafen.“ In Schwerin angekommen, kümmerte sich Mayssa Fattoum schnell um einen Platz an der Schule für ihre Kinder und begann selbst mit dem Sprachunterricht. Sie konnte erst ein paar Brocken Deutsch, bewarb sich dennoch um ein Praktikum. Nach drei Anläufen klappte es in der Apotheke von Marco Bubnick im Gusanum. Weitere Sprachkurse, Praktika und Prüfungen folgten. Sie wechselte in die Regenbogen-Apotheke. Zunächst durfte sie nur unter Aufsicht arbeiten. Doch im Dezember 2018 bestand Fattoum die Anerkennungsprüfung vor der Apothekerkammer Mecklenburg-Vorpomern. Seitdem kann sie ohne Einschränkungen in ihrem Traumberuf arbeiten. Als Apothekerin gibt Fattoum Arzneimittel gegen Rezept ab und berät ihre Kunden über die richtige Anwendung, Aufbewahrung, Wirkungsweise und Risiken. Daneben fertigt sie Arzneimittel in kleinen Mengen auch selbst an. „Ich helfe unseren Kunden gerne und mag es gar nicht, wenn ich sagen muss, ein Medikament ist zurzeit nicht lieferbar.“ Ältere Patienten erkennen ihre Medikamente oft an der Packung. „Wenn die dann anders ist als sonst, kommen einige durcheinander“, sagt sie. Auch Baydaa Almohammad hat in Syrien Pharmazie studiert. Allerdings nur ein Semester. Dann wurde 2012 die Universität in Ar-Raqqa, ihrer Heimatstadt, geschlossen. „Wir haben die Stadt verlassen, weil meine Mutter meinte, dass es in den Dörfern sicherer sei. Aber das war nicht so. Es war nirgendwo sicher“, erinnert sie sich nachdenklich. Ihr Mann, ein Arzt, floh zunächst allein nach Deutschland. Er fand Arbeit an den Schweriner Helios Kliniken und so konnte Almohammad ihm ein paar Jahre später folgen. „Als ich 2017 hierherkam, konnte ich kein Wort Deutsch. Ich hatte nichts. Keine Ausbildung, kein Studium. Ich hatte Heimweh nach meiner Familie und habe viel geweint. Am liebsten wäre ich zurückgegangen. Doch das war keine Alternative für uns“, sagt sie. Am liebsten hätte sie recht bald in Deutschland das Pharmaziestudium begonnen. „Aber dann habe ich erfahren, dass es in Schwerin gar keine Universität gibt und auch gesehen, dass die notwendigen Sprachkurse und das Studium sehr lange dauern würden. Eine Freundin hat mir von der Möglichkeit einer Lehre und dem Berufsausbildungssystem in Deutschland erzählt.“ Almohammad entschied sich für die Ausbildung als PTA in Schwerin. „Ich stand zuerst auf einer Warteliste und hatte mich bereits für den nächsten Sprachkurs angemeldet, als mein Telefon klingelte. Schon am folgenden Tag ging es los“, sagt sie. Die zwei Jahre Schule und sechs Monate Praktikum sind schnell vergangen und seit 2022 ist auch sie in der Regenbogen-Apotheke beschäftigt. Mayssa Fattoum und Baydaa Almohammad arbeiten im Schichtdienst, Sie wechseln sich in ihren Schichten ab. So ist immer eine Fachkraft vor Ort, die Deutsch und Arabisch sprechen kann. Auch eine Deutsch und Russisch sprechende Kollegin gehört zum Team um den Inhaber Marco Bubnick. Baydaa Almohammad, Mayssa Fattoum und ihre Familien sind mittlerweile deutsche Staatsbürger. Baydaa Almohammad steht noch am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn. Karam, der Sohn von Mayssa Fattoum, studiert bereits in Rostock. „Karam möchte Bauingenieur werden. Meine Tochter Joud besucht das Fridericianum und möchte nach dem Abitur Pharmazie studieren“, lächelt sie und freut sich darüber, dass sie und ihr Mann den Kindern offensichtlich gute Vorbilder waren.